Tannenberg - ein deutsches Verhängnis
Wofür stehen die Kasernennamen und Regimentsf ahnen? Von Karl-Heinz Janßen
Über das Traditionsverständnis der Bundeswehr soll nun, nach dem Willen der Sozialdemokraten, doch weiter diskutiert werden. Es gäbe einiges zum Aufarbeiten. Zum Beispiel Tannenberg. Zwei Kasernen tragen den Namen dieser berühmten Schlacht, in 4er Ende August 1914 auf ostpreußischem Boden eine russische Armee von unterlegenen deutschen Streitkräften besiegt wurde. Sieben Kasernen sind nach dem Sieger dieser Schlacht benannt, dem Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Die 54 „Tannenberg Feldzeichen", die bis zum Januar 1945 im Fahnenturm des Tannenberg Ehrenmals aufbewahrt wurden, sind auf acht Schulen der Bundeswehr und das Wehrgeschichtliche Museum im Schloß Rastatt verteilt worden.
Das Fragwürdige dieser Tradition fängt schon mit dem Namen an. Die Entscheidung fiel damals in dem südwestmasurischen Dreieck HohensteinNeidenburg Willenberg, also östlich des Dorfes Tannenberg. Die deutsche Oberste Heeresleitung sprach zunächst nur von der „Schlacht bei Allenstein", der nächsten größeren Stajit. Während der Kämpfe kam Hindenburg mit seinem Armeestab zufällig in die Nähe jenes Dorfes. Generalmajor Ludendorff, sein Chef des Stabes, damals bereits ein abergläubischer Mensch, weigerte sich, in Tannenberg Quartier aufzuschlagen — denn dort in der Nähe war am 15. Juli 1410 das Heer des Deutschen Ritterordens von dem vereinigten litauisch polnischen Heer vernichtend geschlagen worden. Erst als sich der Sieg den deutschen Fahnen zuneigte, bat Hindenburg den Kaiser, er möge auch diese Schlacht nach Tannenberg benennen: „Die Scharte von 1410 ist auf weiter Linie gründlichst ausgewetzt worden "
Wenige Stimmen ließen sich vernehmen, die solch gewagten Rückgriff in die Geschichte für bedenklich hielten. Mußte man ausgerechnet den Nationalstolz der Polen verletzen, die man doch als Bundesgenossen gegen das Zarenreich zu gewinnen trachtete? Am Sieg über den Ritterorden bei Grunwald (wie sie es nannten) richteten sich die polnischen Nationalisten wieder auf, wenn sieam Unglück des dreigeteilten Vaterlandes schier verzweifelten. Für die Demütigung von 1914 rächten sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 550. Jahrestag weihten sie ein Denkmal auf dem Schlachtfeld von Tannenberg; die höchste Auszeichnung der Volksrepublik heißt „Grunwaldorden".
Wer heute noch auf Tannenberg Traditionen stützt, kann das eine nicht vom ändern trennen. Dessen waren sich auch die Offiziere der Bundeswehr bewußt, die 1964 die Kaserne des Versorgungsbataillons 26 in Braunschweig auf diesen Nameß tauften. Da war nicht nur das Heimweh ostpreußischer Landsleute im Spiel. Auf dem Schild am Eingang der Kaserne wurden zwei Symbole angebracht:die Silhouette des Ehrenmals und das Zeichen des Deutschen Ordens, von dessen Brustkreuz das Hoheitsabzeichen der Bundeswehr abgeleitet ist. Doch welche Werte, welche Tugenden, welche historischen Vorstellungen sollten da den jungen Rekruten vermittelt werden? Etwa der Stolz auf das „germanische Schwert", mit dem „Siegfried" alias Hindenburg „die Slawen" aufs Haupt schlug? Wer heute noch Tannenberg und Hindenburg in Ehren hält, muß wissen, was er anrichtet.
Aus der Sicht des Militärhistorikers bleibt Hindenburgs Triumph bei Tannenberg ein weltgeschichtliches Ereignis. Bis zum Zweiten Weltkrieg, in dem alle Dimensipnen übertroffen wurden, war Tannenberg wirklich eine der größten Einkreisungsschlachten — nach der Völkerschlacht bei Leipzig von 1813 und den deutschen Siegeh über die Franzosen bei Metz und Sedan 1870. Überdies gilt sie als die gelungenste Wiederholung des Schlachtmodells von Cannae. Im Jahre 216 hatte dort der karthagische Feldherr Hannibal mit unterlegenen Truppen das römische Heer unter dem Konsul Terentius Varro durch einen Umfassungsangriff vernichtet. Auf diesem Muster baute der deutsche Generalstabschef Graf Schlief fen seine Kriegstheorie auf, mit deren Hilfe das Reich gegen eine Welt von Feinden bestehen sollte. Eine ganze Generation von Generalstäblern vor dem Ersten Weltkrieg wurde mit seinem Dogma der Vernichtungsschlacht geimpft. Das Prinzip ist einfach — wie alle große Kriegskunst: Die bis aufs äußerste geschwächte Mitte der Front zieht die Masse des feindlichen Angreifers auf sich — sie darf sich biegen, aber nicht brechen. Währenddessen umfassen die verstärkten Flügel d&i Feind von den Seiten und fassen ihn im Rücken. Er wird eingekesselt und dann im konzentrischen Angriff niedergezwungen. Das Ziel ist immer die Vernichtung — gelingt es dem Feind, aus der Umzingelung auszubrechen, handelt es sich nur noch um einen „ordinären Sieg". Hindenburg konnte zufrieden sein „Das war wirklich ein Cannae a la Schlieffen", freute er sich. 153 000 Deutsche hatten gegen 191 000 Russen gekämpft. Hernach bedeckten 7000 tote Russen die Walstatt, unter ihnen ihr Oberbefehlshaber Samsonow, der, wie weiland Varus im Teutoburger Wald, das Ende seiner Divisionen nicht überleben wollte; ihnen zur Seite etwa 5000 Deutsche. 92 000 russische Soldaten mitsamt dreizehn Generälen zogen in Gefangenschaft. Für Lehrer an Kriegsschulen, für Sandkastenspiele in den Generalstäben ist Tannenberg immer noch ein nützliches Lehrmodell: wie eine halbwegs geschlagene Armee aus dem Rückzug zum Angriff übergeht; wie man, auf der inneren Linie operierend, in Gewaltmärschen und mittels Eisenbahnen die Truppen an die entscheidende Stelle bringen kann; wie die Auftragstaktik, die Eigeninitiative souverän entscheidender Unterführer dem Ganzen nutzen, aber auch schaden kann; wie das Gefühl, den eignen Herd, Weib und Kind zu verteidigen, selbst schwach ausgerüstete, schlecht ausgebildete Truppen noch zu Höchstleistungen anspornt.
Dazu das negative Beispiel eines vernachlässigten Bevölkerungsschutzes. Die Einwohner Ostpreußens wurden vom Krieg im eigenen Land völlig überrascht. Aus Angst vor den mordenden und sengenden Kosaken verließen 800 000 Menschen Haus und Hof; die Flüchtlingstrecks zogen bis nach Niedersachsen, Vorboten eines noch viel schrecklicheren Exodus: Drei Jahrzehnte später versäumte man es abermals, die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen. Tausende wurden 1914 nach Sibirien verschleppt, Hunderte erschossen; 34 000 Häuser gingen in Flammen auf. Wer wollte es den Ostpreußen verdenken, daß ihnen Tannenberg wie eine wunderbare Errettung vorkam? Die Wirklichkeit war prosaischer. Das deutsche Oberkommando konnte die unverschlüsselten Funksprüche der russischen Heerführer mitlesen und Var so über die Pläne des Feindes jederzeit genau im Bilde. Auch spekulierte es zu Recht auf, die Schwerfälligkeit der russischen Dampfwalze, auf das unzulängliche Nachrichtensystem und die Führungsschwächen des Feindes. Mit welchem Leichtsinn die Narew Armee ins Feld geführt wurde, erzählt Solschenizyn im „August 14 Auf Kriegsromantiker wirkt Tannenberg wie der letzte Abglanz einer versunkenen Epoche: Feldherrnhügel, Sturmangriffmit entrollten Fahnen, brennende Windmühlen, zum Schluß den Pour le meYite, Choral von Leuthen, Dankgebet. Die Folgen Nach dem Sieg- Ritterlichkeit. Mit trostreichem Zuspruch nahm Hindenburg die Hand des gefangenen Generals Martos in seine beiden Hände: „Da wandte sich der arme, alte, mit Ehrenzeichen der Tapferkeit geschmückte Mann um und weinte bitterlich", berichtete Hindenburg seiner Frau. Der unverhoffte Schlachtensieg im Osten kam den Führern des Reiches gerade recht. Sein Glanz überstrahlte die Bitternis der schweren Niederlage im Westen. In ihrem Jubel über Tannenberg bemerkten die Deutschen gar nicht, daß der Weltkrieg wegen der Niederlage an der Marne bereits strategisch verloren war.
; Es sagte ihnen auch keiner. Reichs- wie Heeresleitung hielten es für ihre Pflicht, dem Volke den Ernst der Lage zu verheimlichen. Der Ruhm der beiden Heerführer im. Osten mußte dazu herhalten, die Siegeszuversicht zu stärken. Der Name Hindenburg wurde zur Geheimwaffe. Bald kannte ihn jedes Schulkind. Dieser hünenhafte Recke mit dem kantigen Schädel, dem kurzgeschnittenen Grauhaar und dem aufgezwirbelten Schnurrbart war so recht ein, Mann für das deutsche Gemüt, ein Feldherr vöa der Art des „Marschäll Vorwärts" oder „Papa" Wrangeis: begabt mit natürlicher Würde und der Herzlichkeit eines Ländedelmannes, bärbeißig, doch gutmütig, imposant an Erscheinung, doch bescheiden im Wesen, voller Mutterwitz und Lebensklugheit.
- Datum 23.09.1977 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.9.1977 Nr. 39
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