Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im September

Französische Politik ist ohne spektakuläre Theatereffekte nicht denkbar – auch nicht, wenn sich die Linke ihrem Publikum präsentiert. Von KP-Chef Georges Marchais weiß man, daß ihm jede Rolle, vom Bösewicht bis zum Volksfreund, liegt, daß er rauschende Auftritte ebenso goutiert wie diskrete Abgänge. Sozialistenführer François Mitterrand zieht das Fach des Denkers vor, kann sich aber urplötzlich vom sinnenden Hamlet in einen himmelstürmenden Romeo verwandeln. Auch der dritte Hauptakteur im Linksbündnis, der linksliberale Robert Fabre, hat jetzt seine Rolle gefunden: die des Spielverderbers.

Was die französische Linke in den letzten Tagen vorführte, glich einer Komödie der Irrungen und Wirrungen. Rund um die Aktualisierung des gemeinsamen Regierungsprogramms. Schon während der Sommermonate hatten sich Sozialisten, Kommunisten und Linksliberale bemüht, das Papier aus dem Jahre 1972 dem Stand der Diskussion anzupassen und somit eine solide Basis für die Parlamentswahlen im kommenden März zu schaffen. Doch eine stattliche Liste von Fragen blieb offen.

Als sich nun die Parteichefs daranmachen wollten, die Risse im Bündnis so schnell wie möglich zu kitten, kam es zum Eklat: Schon am ersten Tag ließ Robert Fabre die Verhandlung platzen und erklärte, er könne die kommunistischen Maximalforderungen nach weitgehenden Verstaatlichungen nicht akzeptieren. Mit dem barschen Hinweis, „ich rede als erster“, stieß er Marchais von den aufgebauten Mikrophonen und verlas als Held der Stunde eine aggressive Erklärung gegen die „kommunistische Unnachgiebigkeit“.

Das alles sah weniger nach einem spontanen Zerwürfnis als nach einem, gezielten Theaterdonner aus. Die Linksliberalen als „Juniorpartner“ des Linksbündnisses, meist als Satelliten der Sozialisten und als liberales Feigenblatt für Bürgerliche mit linken Sympathien angesehen, hatten 1972 noch nicht am Verhandlungstisch gesessen, und sie hatten auch in der Diskussion der letzten Monate kein entscheidendes Gewicht. Was lag also für Fabre näher, als endlich einmal effektvoll auf sich und seine Freunde aufmerksam zu machen. Der Moment für die politische Profilierung („links, aber keinen Schritt zuweit“) war gut gewählt, doch das beifallheischende Schielen zum Publikum war zu offensichtlich.

Mittlerweile sitzen die drei Delegationen mit den Parteichefs wieder am Verhandlungstisch. Man braucht kein Prophet zu sein, um die Prognose zu wagen, daß sich die zerstrittenen linken Brüder – allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz – letztlich einigen werden. Denn sechs Monate vor dem entscheidenden Wahlgang kann sich die Linke keine Zerreißprobe mehr leisten. Sie bedeutete das sichere Ende aller Hoffnungen auf einen Wahlsieg.