In der Bundesrepublik und in anderen Industrieländern bildet die traditionelle Naturheilkunde beinahe schon eine exotische Komponente der Arzneimittelversorgung. In Entwicklungsländern dagegen sind Kräuterelixiere und -pülverchen häufig die einzigen verfügbaren Medikamente.

In Mexiko zum Beispiel bleibt den Landbewohnern oft gar nichts anderes übrig, als sich mit ihren Beschwerden an einen Yerbero, einen Kräuterexperten, oder an einen indianischen Curandero, einen Heilkundigen, zu wenden – die Wurzelmänner und Handaufleger sind die einzige Art von medizinischer Versorgung in entlegenen Gebieten. Nicht viel besser geht es den armen Massen in den großen Städten, vor allem in der Zwölf-Millionen-Metropole Mexico City: Die Slumbewohner können sich die teuren modernen Medikamente einfach nicht leisten (und mißtrauen ihnen überdies).

Die enorme Nachfrage führte inzwischen dazu, daß in der mexikanischen Hauptstadt am La-Merced-Markt täglich Lastwagen mit Heilpflanzen aus dem ganzen Land eintreffen. Die Kräuter, die mitunter zehn verschiedene regionale Namen haben, werden sortiert und an die Yerberos der Riesenstadt verteilt. Wie die New York Times unlängst berichtete, kaufen immer häufiger auch Mexikaner der Mittel- und Oberschicht bei den Kräuterhändlern – zum Ärger der nach westlichen Industriestaaten orientierten mexikanischen Ärzteschaft, die in den Yerberos und Curanderos Scharlatane sieht.

Forscher des Mexikanischen Instituts für die Erforschung medizinischer Pflanzen glauben jedoch, daß sich traditionelle und moderne Medizin gut ergänzen könnten. Die Wissenschaftler starteten unlängst ein Programm, mit dem die gebräuchlichsten Kräuter untersucht werden sollen. Zunächst wurden 2000 medizinische Pflanzen identifiziert und dann 100 von ihnen zum genaueren Studium ausgewählt. „Das ist erstaunlich kompliziert“, meinte Institutsdirektor Dr. Xavier Lozoya Legorreta, „denn wir müssen untersuchen, wie die Pflanzen von wem und in welcher Weise aufbereitet und eingenommen werden, welche Nebenwirkungen sie haben und so weiter.“

Lozoya: „Wir können keine ausreichende medizinische Versorgung der ganzen Bevölkerung garantieren, so daß es keinen Grund gibt, eine Trennlinie zwischen traditioneller und moderner Medizin zu ziehen. Ich würde es begrüßen, wenn Kräutermedizin in unseren medizinischen Hochschulen gelehrt, würde.“ Günter Haaf