„Geliebte Dienerin“, Roman von Margery Sharp. Man muß sie bewundern: Seit 1935, seit Margery Sharp als noch junge Person „Die vollkommene Lady“ ausgeschickt hat, sind ihre Unterhaltungsromane so gut wie vollkommen zu nennen. Spannende Herzensaffären, die selten schlecht ausgehen, das schon. Freundlichkeiten, bequem zu schlucken, gewiß. Und doch genug an Wirklichkeit, daß uns die Lektüre nicht nur aufmuntert, sondern auch klüger macht. Klassenstruktur und Menschennatur sind die nicht gerade weit hergeholten Spezialgebiete der Sharp. Im neuen Roman „The Faithful Servants“ – der deutsche Titel „Geliebte Dienerin“ trifft’s nicht so ganz – geht es ums Los englischer Hausangestellter von 1860 bis heute. Die Gentlemen, die eine Stiftung zum Wohle abgemusterter Dienerinnen verwalten, werden innerhalb der mehr als hundert Jahre oft von eher problematischen Bewerberinnen heimgesucht, was der Autorin zu pointierten Begebenheiten verhilft und sogar mal zu einer dezenten Mordgeschichte. Dabei kann sie ohne unziemlichen Nachdruck die gesellschaftlichen Neuerungen vorführen. Sharp-Fans werden ihrerseits entdecken, daß auch die Autorin mit der Zeit geht und nun Wörter wie zum Beispiel „lesbisch“ in den Mund nimmt. Gleichwohl: ein Sharp-Roman der alten Qualität, süffig, dabei nie labberig. (Aus dem Englischen von Gisela Podlech-Reisse; Claassen Verlag, Düsseldorf, 1977; 263 S., 28,– DM.) Christa Rotzoll

„Der Martin Greif Bote“, herausgegeben von Heinz Jacobi. Seit 1973 gibt es ihn, den von Heinz Jacobi herausgegebenen „Boten“. Diese Marginalien machen deutlich, daß unser Kulturbetrieb Ausfluß politischer Verhältnisse ist. Jacobis Väter sind Hölderlin, Lessing, die Jacobiner, Jean Paul. Von Karl Kraus hat er sein gutes und schlechtes Gewissen, von Kierkegaard und Wittgenstein die Todesverachtung in der Konsequenz des Denkens. Von den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen bezieht er seine Leidenschaft. Sein Arbeitsmotto: „Ich wollte nicht gern, daß man diese Untersuchung nach ihrer Veranlassung schätzen möchte. Ihre Veranlassung ist so verächtlich, daß nur die Art, wie ich sie genutzt, mich entschuldigen kann, daß ich sie überhaupt nutzen wollen“ (Lessing). Der „Bote“ kämpft gegen die Vergewaltigung der Sprache, gegen diejenigen, die sie mißbrauchen. Das im Einmannverfahren hergestellte Blatt, das zwei- bis dreimal jährlich erscheint, ist bereits eine Rarität – leider, wie man sagen muß, weil ein knappes halbes Tausend Auflage ein solches kritisches Blatt zur Rarität macht. Das jetzt erschienene Blatt 7, etwa 160 Seiten stark, eigenhändig getippt und auf der Vervielfältigungsmaschine abgezogen, kostet – nur – 9 Mark. (Martin-Greif-Straße 3, 8000 München 2). Ulrich Raschke

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„Europäische Bukolik und Georgik“, herausgegeben von Klaus Garber, „Wege der Forschung“ heißt die Folge von Aufsatz-Sammelbänden, in der die wissenschaftliche Buchgesellschaft jetzt als Nr. 355 den Titel „Europäische Bukolik und Georgik“ vorlegt. Es ist, ähnlich wie etwa die zuvor erschienenen Kollektionen zum Schelmenroman von Helmut Heidenreich und zum utopischen Roman von Villgradter, eine die europäischen Literaturen weiträumig übergreifende Anthologie. Der Herausgeber Klaus Garber legt in seinem so knappen wie tiefgreifenden Vorwort den Akzent stark auf die Beziehung von Schäferdichtung und Landlebenidyll zur jeweils gegenwärtigen gesellschaftlichen Problematik, wie es die 18 Beiträge, von Ernst Bloch bis zu William Empson, nur unterschiedlich tun. Garber skizziert mit straffen Strichen das weite Feld der Forschung, das hier noch zu bestellen ist: Ein europäisches Thema, in nahezu allen Nationalliteraturen überreich belegt, ein erst noch abzulesender Indikator eines traditionsgesättigten Bewußtseins zwischen Utopie und Eskapismus, Tagtraum und Sozialkritik. Auf dem noch weiten Wege zur Bewältigung dieser Aufgabe bedeutet der sorgsam betreute, bibliographisch bestens bestückte Band ein fundamentales Hilfsmittel – und ein starkes Stimulans. (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1977; 558 S., 69,– DM, Mitgliederpreis 46,– DM.) Bernhard Kytzler