Berlin: „Die Kunst der Massen“

Eine Ausstellung, die weit über den üblichen Handlungsspielraum privater Galerien hinaus reicht, hat; die Ladengalerie als ihren Beitrag zum Zwanziger-Jahre-Thema zusammengestellt. „Die Kunst der Massen“ lautet ihr Titel; sie wendet sich jenen Künstlern zu, die proletarisch-revolutionäre Kunst für die Massen in massenhaften Auflagen machten. Damit wird eine „Tendenz“ der Zeit, die die offizielle „Euroku“ eindeutig außer acht läßt, hier bewußt tendenziös im Spiegel der Kunst betont: der politische Kampf der Zeit. In einer umfangreichen Materialsammlung dokumentieren die antikapitalistischen und antifaschistischen Künstler mit ihren Plakaten, Postkarten, Flugblättern, Karikaturen, Graphikzyklen und Zeitschriften ein Zeitbild, bei dem niemand auf die Idee käme, es als „golden“ zu bezeichnen. Neben Dix, Grosz, Kollwitz, Hans und Lea Grundig oder Heinrich Vogeler sind auch einige Künstler vertreten, die heute keiner mehr kennt. Die Galeristen haben sie vornehmlich im Geheimen Preußischen Staatsarchiv aufgespürt. Diese Originale und Dokumente verdanken ihre Überlieferung – wie es Stempel eindeutig belegen – meist nur dem Umstand, daß sie von der politischen Abteilung der Polizei beschlagnahmt wurden. (Ladengalerie bis Ende September, Katalog 15 Mark)

Daghild Bartels

Hamburg: „Barockplastik in Norddeutschland“

Eine Ausstellung mit enormen Unsicherheitsfaktoren und Hürden. Erstens, eine vom Standpunkt der Nationalitäten unsinnige, kunstgeschichtlich aber unumgängliche Usurpation als Prämisse zu „Norddeutschland“ (von Ostpreußen bis zum Niederrhein), wird Holland mit dem überragenden Bildhauer Adrian de Fries hinzugezählt. Denn die Bildhauerei verband im Barock, in der Kunst vor allem der Gegenreformation, Norddeutschland viel enger mit Holland als etwa mit Italien oder Frankreich. Zweitens: die im Barock (diesem sinnenfreudigen und zu schwelgerischen Übergriffen neigenden Stil) leicht erkennbare Tendenz zum „Gesamtkunstwerk“ kommt in der Ausstellung nur fragmentarisch zum Zuge. Die elementare Verkoppelung von Plastik und Architektur, Plastik und Garten zum Beispiel kann natürlich in Museumsräume nicht hereingezogen werden. Im vortrefflichen Katalog von Jörg Rasmussen (mit einem Artikel auch von Lise Lotte Möller über fürstliche Auftraggeber) gibt es gewisse Ersatzlösungen: Abbildungen, die auf das Ambiente verschiedener Bildhauerarbeiten hinweisen. Drittens: Die DDR hat Leihgaben verweigert. Aus Schweden, Dänemark, Holland, England, Österreich und zahlreichen deutschen Orten kamen an die dreihundert Exponate, die zum Teil auf eine ihnen nicht gemäße Isolation verwiesen sind (Arbeiten in Holz, Marmor, Bronze, Elfenbein, Bernstein, Alabaster, Porzellan – von Balthasar Permoser, Ludwig Münstermann, Andreas Schlüter und vielen anderen). Aber selbst dann noch entfalten sie in der Ausstellung, die zur Feier des 100jährigen Bestehens des von Justus Brinckmann begründeten Museums für Kunst und Gewerbe unternommen wurde, ein bald stilles, bald stolzes oder sprühendes Eigenleben, geben Auskünfte über Stilzusammenhänge, geben Rätsel auf. Gibt es, heißt eine Frage, in dieser Zeit in Norddeutschland spezifische Stilmerkmale, die sich in Süddeutschland nicht nachweisen ließen (nicht nur Abweichungen in den Motiven, Bevorzugung mythologischer und allegorischer Themen)? Etwa „spröde Nüchternheit und Rationalität“ oder gar Introvertie? Es gibt Indizien, keine Beweise (besser hieße die Schau vielleicht „Norddeutsche Plastik zur Zeit des Barocks“). Jörg Rasmussen, dem die Ausstellung, ein Meisterstück des Zusammentragens und Anbietens, zu verdanken ist, vertuscht nicht ihre Unsicherheiten, er markiert sie in fairer Weise, macht sie durchsichtig, bestimmt gerade dadurch das hohe Niveau der Ausstellung. (Museum für Kunst und Gewerbe, bis zum 6. November; Katalog 30 Mark)

René Drommert

Hannover: „Julia Gonzalez“