Berlin

Ungewohnt war das Bild auf dieser Frauenkonferenz. Nicht mehr die Frauen zwischen 20 und 30 bestimmten das Bild, genauso zahlreich waren die Vierzig- bis Fünfzigjährigen gekommen, und nicht wenige hatten die Sechzig bereits überschritten. Anläßlich der ersten Berliner Frauenkonferenz trafen sich Frauen der traditionellen Frauenverbände und der autonomen Frauengruppen an einem Tisch.

Der Anstoß zu diesem Treffen, das von der Senatorin für Familie, Jugend und Sport, Ilse Reichel, und dem Berliner Informationsbüro der Europäischen Gemeinschaft finanziert wurde, kam aus Brüssel. Der Anlaß war die Europawahl 1978. „Die Bedeutung der Direktwahlen für die Frauen zum Europaparlament“ lautete denn auch das Thema der Podiumsdiskussion, bei der die unterschiedlichen Positionen am stärksten aufeinanderprallten.

Die „Neuen“ setzten bei ihren täglichen Erfahrungen an, wollen hier aktiv sein und verändern: „Was nützen uns die Frauen im Parlament, die erreichen doch nichts.“ Die Mitglieder in traditionellen Verbänden und politischen Parteien (für die FDP war Ingrid Mathäus angereist) argumentierten dagegen mit ihrer täglichen Praxis und der notwendigen Unterstützung der politisch weniger aktiven Frauen. Auch die Frauenpartei war wieder im Gespräch und die Frage, wie weit die Solidarität unter Frauen gehen sollte. Eine FDP-Frau meinte, ihr sei die politische Richtung egal, ob links oder rechts, Hauptsache Frau, dann bekäme sie ihre Stimme.

Ungefähr 600 Frauen waren zu dieser Konferenz gekommen, die zu einem Brückenschlag zwischen alter und neuer Frauenbewegung wurde. Mit Neugier und Interesse wurde die Arbeit der anderen befragt und diskutiert. So lief die eigentliche Arbeit und Auseinandersetzung in den vielfältigen Arbeitsgruppen (zu den Themenkomplexen: Frau in der Arbeitswelt; Frau im sogenannten Privatbereich; Frau in der Öffentlichkeit), hier lernte man sich – möglichst alt und neu gemischt – im kleineren Kreis besser kennen.

Die Diskussionen landeten häufig bei Hausarbeit und Kindern. „Lohn für Hausarbeit“ heißt die feministische Kampagne, die bei den Verbands- und Parteifrauen auf Kritik und Unverständnis stieß. Aber trotz der unterschiedlichen Positionen war die Zusammenarbeit gut, die Gemeinsamkeit der Frauenprobleme ließ politische und ideologische Unterschiede relativer erscheinen. Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen hatte zwar Bedenken gegenüber einer offiziellen Zusammenarbeit mit den Feministinnen und deswegen wohl ihre Teilnahme abgesagt, zahlreich waren aber gerade SPD-Frauen erschienen, die die Schwierigkeit politischer Frauenarbeit gegen Gähnen und Stöhnen von Männern und Frauen in den Parteigremien schilderten.

Männer waren nicht zugelassen, nach langen Diskussionen während der dreivierteljährigen Vorbereitung hatten die autonomen Frauengruppen sich durchgesetzt; die offene Atmosphäre zwischen den Frauen sprach für diesen Entschluß. Die offizielle Begründung konnte durch die einzige Frau im Berliner Senat, Ilse Reichel, trotzdem stattfinden, aber, so formulierte sie selbst, der Berliner Senat hätte „damit vor einigen Legislaturperioden noch Schwierigkeiten gehabt“.

M. R.