Von Hansjakob Stehle

Ottobeuren/Modena, im September

Auch der Trompetentusch, mit dem die Trachtenkapelle jeden Redner im voraus bedachte, ließ die rechte Stimmung nicht aufkommen. „Europa jetzt einen!“ stand unter dem Kreuzeszeichen in gewaltigen Lettern über der großen Wiese neben der Basilika von Ottobeuren. Der katholische Bischof Stimpfle von Augsburg hatte hier nichts Geringeres vorgehabt, als Spitzenpolitiker und Kirchenfürsten aus allen Metropolen des Kontinents zu einem demonstrativen „europäischen Wochenende“ mit Großkundgebung, Gebetsnacht und Festakademie zu versammeln.

Klingende Namen wie die von Tindemans, Suarez, Chirac, Thatcher, Andreotti, Fanfani und Colombo schmückten die Liste derer, die Stimpfles Einladung angenommen hatten, und zum Teil standen die Namen noch auf den Stühlen, auf denen man dann bei Kälte und Regen, umgeben von einigen hundert Einheimischen, fast ganz unter sich blieb: Kohl, Strauß, von Hassel, Carstens, Goppel, Filbinger, etwas einsam der luxemburgische Regierungschef und der evangelische Landesbischof, zweit- und drittrangige Abgesandte christlicher Parteien und anderer Konfessionen, nur wenige katholische Bischöfe, keiner aus Frankreich, Belgien und Holland, nicht einmal die Kardinäle von Köln und vom nahen München.

Nichtchristliche oder gar linke oder liberale Europäer wollte man ohnehin in Ottobeuren nicht sehen – „die sind ja für Trennung von Kirche und Staat“, erläuterte naiv-ehrlich ein Mitarbeiter des gastgebenden Oberhirten. Warum aber streikten so viele „Euro-Christen“ beim großen Aufgebot gegen den „Eurokommunismus“? Warum vermieden es die meisten geladen nen Christdemokraten Europas, auf einer kirchlich geleiteten CSU/CDU-Kundgebung aufzutreten? Offenkundig schien ihnen im letzten Augenblick doch nicht geheuer, was da als Sozialismus, Säkularismus und Kommunismus in einen Abfalltopf geworfen und was als karolingische Europa-Mystik wieder aufgewärmt werden sollte.

Es muß dem Augsburger Bischof hart angekommen sein, als er seinem einzigen wirklich prominenten Auslandsgast, dem Florentiner Kardinal Benelli, als Dolmetscher einer Rede dienen mußte, die plötzlich ganz anders klang. Benelli, als ehemaliger engster Mitarbeiter des Papstes viel zu weltklug, um schrecklichen Vereinfachen! auf den Leim zu gehen, belehrte die Versammelten: „Es steht der Kirche nicht zu, ein konkretes politisches Ideal oder Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle für Europa anzubieten“ oder gar einen „ebenso absurden wie lächerlichen Versuch zur Restauration eines klerikalen Reiches“ zu unternehmen. Wenn die Kirche für die Einheit Europas eintrete, dann vor allem deshalb, weil für sie „die Brüderlichkeit aller Menschen und Völker oberstes Gesetz der gesellschaftlichen Beziehungen“ sei. Ohne auch nur einmal die Lieblings-Reizworte des Ottobeurener Treffens („Sozialismus“ und „Kommunismus“) zu erwähnen, schloß Benelli sogar jenen Teil Europas in die Solidarität ein, „der nichtchristlichen Ideologien anhängt und doch, vielleicht manchmal unbewußt, ein Verhalten zeigt, das die Folge von zwanzig Jahrhunderten Christentum ist“.

Wollte Benelli damit wirklich den Thesen von Strauß widersprechen, wie der Mailänder Corriere della sera meinte? Der CSU-Vorsitzende hatte außer vier schwerbewaffneten Leibwächtern, die zum Ärger Helmut Kohls boshaften Photographen als Hintergrund dienten, ein intellektuell ausgefeiltes, mit Bildungsgut aller Epochen beladenes Redemanuskript von 73 Seiten mitgebracht: „Die geistesgeschichtlichen Grundlagen Europas.“ Naßkalte Luft und fehlende Prominenz bewogen dann Strauß, sich solche geistige Unkosten zu ersparen.