Er stellt Vergleiche mit dem Wollen und Wirken des Turnvaters Jahn im Deutschland des 19. Jahrhunderts an und möchte eine Lawine ins Rollen bringen: Rüdiger Dohrmann, bundesdeutscher Missionar im Trainingsanzug, ist ausgezogen, um dem mittelamerikanischen Staat Guatemala die Segnungen des Sports zuteil werden zu lassen. Der Diplom-Sportlehrer muß Pionierarbeit leisten. Er steht an der Entwicklungshilfefront, wie rund 100 seiner Kollegen aus der Bundesrepublik Deutschland, die in etwa 50 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas für die Fachrichtung „Sport“ tätig sind.

Sie alle wissen, daß das Gütesiegel „Made in Germany“ längst nicht mehr nur Materialwerte ziert, sondern auch sportliche Wünsche weckt und Wunder beschwört. Über die Bedeutung der Sportentwicklungshilfe äußert sich die Bundesregierung beispielsweise so:

„Der Sport hat sich im Rahmen der kulturellen Beziehungen mit den Entwicklungsländern als hervorragendes Mittel der internationalen Verständigung und Begegnung bewährt. Bereits ein vergleichsweise bescheidener Förderungsaufwand vermag ein Maximum an „goodwill“ auf seiten der Partnerländer zu erzeugen. Die Förderungsmaßnahmen tragen dazu bei, daß sich die Entwicklungsländer auf internationaler Ebene darstellen und chancengleich mit den Industrieländern messen können. Die außenpolitischen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu den Ländern der Dritten Welt können auf diese Weise langfristig in einem positiven Sinne beeinflußt werden.“

Trainer aus der Bundesrepublik, dem Land des Fußball Weltmeisters, stehen hoch im Kurs. Doch die Mittel reichen bei weitem nicht aus, um allen Anfragen und Bitten gerecht zu werden. Man darf den bundesdeutschen Sport ohne Überheblichkeit als „Renner“ und Exportschlager in der Dritten Welt bezeichnen. Nur bringt er – vordergründig betrachtet – nichts ein. Im Gegenteil, es sind zunächst einmal Millionen zu investieren. Wer allerdings etwas von Werbewirksamkeit und Imagepflege versteht, wird diesen Aufwand gleich richtig einordnen. Der Bundespräsident jedenfalls könnte seine Goodwill-Tour in ein Entwicklungsland mit noch so großzügigen Gastgeschenken krönen, gegen den gleichzeitigen Auftritt unserer Fußball-Nationalmannschaft hätte er unter dem Maßstab öffentlicher Anteilnahme keine Chance.

Die seinerzeit von der Deutschen Botschaft in Tansania eifrig gesammelten Zeitungsausschnitte liefern dazu ein treffendes Beispiel. Wurde dem Besuch des damaligen Ministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Egon Bahr, in der Presse nur wenig Raum gewidmet, so beherrschte die Anwesenheit einer niedersächsischen Fußball-Amateurauswahl tagelang die Schlagzeilen. Doch es geht ja nicht in erster Linie um die Imagepflege der Helfer aus dem Schlaraffenland. Sie. sollte allenfalls Nebenprodukt ernstgemeinter Bemühungen sein, die Lebensbedingungen zu verbessern. Und da ist zweifellos der Sport ein geradezu ideales Mittel zum Zweck.

Der Olympiasieger aus einem Land der Dritten Welt steigert ohne Zweifel das nationale Selbstbewußtsein. Sportler wie Bikila Abebe, Mamo Wolde, Kipchoge Keino, John Aki-Bua oder Mike Boit waren und sind für ihr Volk Symbolfiguren des gemeinsamen Aufbruchs in eine bessere Welt. Den gewissermaßen „staatstragenden“ Prozeß ihrer optimalen Förderung begleiten selbst die höchsten Repräsentanten. Sie heben nicht nur ihre erfolgreichen Athleten in den Botschafterstand mit vielen Freizügigkeiten, sondern ordnen auch die Arbeit der Wegbereiter und Lehrmeister aus den Industrienationen entsprechend ein.

Der sportmissionarische Auftrag ist also längst um den diplomatischen erweitert worden. Ganz so wichtig wie das Brot sind die Spiele zwar nicht; aber der Glanz der Medaillen überstrahlt die technischen oder landwirtschaftlichen Errungenschaften bei weitem. Für die Entwicklungshelfer des Sports ist die Erfolgssucht ihrer Gastgeber allerdings oft nur schwer mit dem eigenen Programm und Plan in Übereinstimmung zu bringen. Sie wollen schließlich Breitenwirkung nicht nur über spektakuläre internationale Ergebnisse erzielen. Rüdiger Dohrmann zu seinem Einsatz in Guatemala: „Das Ziel meiner Arbeit ist, jedem Bürger die Möglichkeit freier, individueller und freudvoller sportlicher Entfaltung zu schaffen.“ Das allerdings scheint unter den gegebenen Voraussetzungen auch in Guatemala eine utopische Wunschvorstellung zu sein.