Ein starker, ein verheißungsvoller Auftakt. Das neue Frankfurter Opern-Direktorium Michael Gielen/Christof Bitter hat. gleich mit seiner ersten Premiere den Anspruch für sein Haus geltend machen können, unter jene Handvoll Musiktheater-Bühnen gezählt zu werden, die ernst zu nehmen sind.

Dabei war das Risiko nicht gering. Schließlich sind an Mozarts „Don Giovanni“ schon einige Regie-Koryphäen gescheitert, und das noch in so junger Vergangenheit, daß der Verdacht inzwischen aufkam, das Stück sei im Augenblick schlüssig kaum zu inszenieren. Schließlich auch hat der Kapellmeister- wie Sänger-Schlendrian sich über alle Musikologen-Arbeit bisher immer wieder hinwegsetzen können und aus Mozarts für Prag und Wien eindeutig unterschiedlichen Fassungen eine Mischung verbrochen, die jede Form- wie Figuren-Eindeutigkeit zerstörte. Nur so war beispielsweise der Don Ottavio stets zu einer doppelköpfigen Rolle verdammt: hier lyrischer Waschlappen, dort hektisch auftrumpfender Salonheld. Nur so, auch war die Donna Elvira gezwungen, sich unvermittelt mit einer Arie in einem Handlungsmoment einzuschalten, in dem die Logik sie beim besten Willen nicht vermutet hätte.

Christof Bitter hat über den „Don Giovanni“ promoviert. Das war vielleicht eine Voraussetzung, die anderen Intendanten oder Dramaturgen fehlen mag. Aber zu lesen waren seine Arbeit und der Kritische Bericht der Neuen Mozart-Ausgabe seit langem. Nunmehr hat jemand auf der Bühne den Fassungs-Mischmasch abgeschafft, zuungunsten natürlich eines Tenors, der jetzt eine Arie weniger singen darf. Aber beim da Ponte: wenn das Nachdenken Schule machte in der Oper – kaum auszudenken; sie könnten direkt wieder interessant werden.

Und in Frankfurt ist man offenbar konsequent. Michael Gielen, in der Musikantenwelt aus zwar begreiflichen, nichtsdestoweniger aber falschen Gründen vornehmlich als Konzertdirigent bekannt und geschätzt, hatte schon in Scheveningen und Hamburg demonstriert, wie er Mozart im Theater realisieren möchte, und wiederholte es jetzt mit Erfolg: Er setzt nach älterer Version die Streicher auf die linke, die Bläser auf die rechte Hälfte des hochgefahrenen Orchestergrabens, erzielt auf diese Weise einen belebenden Stereo-Effekt, begleitet die Secco-Rezitative selber am Cembalo, spielt nach der Neuen Ausgabe und dies ohne Einschränkung, in der Dynamik, in der Phrasierung, in den Akzenten, ja selbst bei jenem ominösen „Fehler“, den Mozart mit einem „Querstand“ in die Ouvertüre schrieb und den alle feineren Dirigenten meinen verbessern zu müssen.

„Don Giovanni“ – das wirft sofort die Frage auf: Für wen hält der Regisseur den „bestraften Bösewicht“? Rudolf Noelte hatte da 1973 in Berlin eine so ungewöhnliche wie plausible (wenn auch zu Mozarts Musik eher konträre) Deutung: Er zeigte das Ende eines in einer – herrlichen, nostalgisch verklärten – Welt inmitten von Einsamen, Leidenden, Frustrierten seit langem Gescheiterten. Ein ganz klein wenig, allerdings ohne dabei Strindberg oder Tschechow zu bemühen, hat Hans Hollmann jetzt in Frankfurt an Noelte angeknüpft. Auch sein Giovanni ist ein seit langem Scheiternder, aber dessen Versagen ist nicht Konsequenz; aus einer total verkorksten Allgemeinsituation, sondern reines Künstlerpech, das zufällige Unglück eines ansonsten Tüchtigen.

Hatte er etwas mit der Donna Anna? In der Regel wissen es die Regisseure nicht. Für Hollmann ist die Sache einigermaßen klar: Noch hatte er nicht; aber er versucht; nachdem sie vor ihm (und er nicht vor ihr) aus dem Haus flüchtete, die Kleine herumzukriegen, schnappt sie sich mit gekonntem Griff, fummelt ziemlich eindeutig an ihr herum, und das junge Ding, das mit dem Ottavio wohl noch nicht allzu viel erlebt hat, wird schwach, erkennt zwar noch einmal die drohende Gefahr, kippt aber dann doch um – und wenn nicht der alte Herr darüber vom Abendessen aufgesprungen und herausgestürzt wäre in den Park, wer weiß, was die beiden da nicht noch, sogar vor den Augen des Publikums. Kein Wunder, daß Giovanni den Daddy als Störenfried empfindet, sich zwar lässig verabschieden will, nur unwillig zum Degen greift und dann eben halt gleich wieder Pech hat – was kann er dafür, wenn der Alte nicht fechten kann. Fahrlässige Tötung, wenn nicht Notwehr, konstatierte man heute wohl richtig. Doch dann kommt es ein bißchen sadistisch über den Giovanni: Vor dem verletzt wankenden Komptur reißt Giovanni seine Halbmaske von den Augen, gibt sich dem Besiegten zu erkennen, und die Überraschung gibt dem Alten den Rest. Vom Schlag getroffen fällt er um. Giovanni ist doch ein Mörder.

Mit Pech, wie es begann, geht es prompt weiter und folgerichtig zu Ende: Immer kommt was Blödes dazwischen. Schließlich ist der Giovanni so daneben, daß er, der doch vieles schon angezettelt hat, von etwas wirklich nun einmal für unmöglich Gehaltenem, dem Auftritt des steinernen Gastes, selber vor Schreck umfällt – Herzschlag, Exitus.