Der Hamburger Pastor Dr. Paul Schulz, der sich in Büchern und in einer Reihe von ZEIT-Artikeln gegen die seiner Überzeugung nach überholte Vorstellung von einem persönlichen, vaterähnlichen Gott ausgesprochen hat und sich deswegen in einem „Lehrbeanstandungsverfahren“ (beginnend am 14. November in Hannover) verantworten muß, hat die Hamburger für sechs Sonntage in eine Markthalle eingeladen, um dort vor ihnen zu predigen und mit ihnen ein Fest zu feiern, die „Communio humana“. Jetzt hat die Kirchenleitung diese Veranstaltung untersagt.

Hamburg

Offiziell“, sagt er, möchte er sich dazu noch nicht äußern. „Vielleicht in einer Woche, nach der Rücksprache mit meinem Anwalt.“ Aber zwischen den Worten spürt man, daß Dr. Paul Schulz, der sich als „Ketzerpastor“ der Hamburger Jacobi-Kirche weit über die Grenzen der evangelischen Kirchengemeinde Nordelbiens hinaus einen „Namen“ machte, für die kommenden harten Tage schon den Harnisch angelegt hat. Die sechs „Sonntagsfeste“ des Pastors Schulz, die in der Hamburger Markthalle (Schulz: „Da ist eine herrliche Akustik“) zwischen dem 2. Oktober und dem 10. Dezember 1977 stattfinden sollten, sind auf höhere Weisung der Kirchenleitung untersagt worden; aber Paul Schulz hat noch keineswegs kapituliert.

In einem Schreiben der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche heißt es: „Sehr geehrter Herr Pastor Dr. Schulz. Uns liegt das Programm der von Ihnen geplanten Veranstaltungsreihe ‚Sonntagsfest der Communio humana‘ – beginnend am 2. Oktober 1977 um 11.15 Uhr in der Markthalle am Hauptbahnhof Hamburg – vor. Sie haben zu dieser Veranstaltung unter dem Briefkopf ‚Dr. theol. Paul Schulz – Pastor an der Hauptkirche St. Jacobi‘ auch die Gemeinde von St. Jacobi eingeladen. Durch Beschluß des Hamburger Kirchenrats vom 18. Oktober 1976 sind Sie nach den Bestimmungen des Lehrbeanstandungsgesetzes beurlaubt worden. Während der Beurlaubung ist Ihnen der pastorale Dienst in Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung sowie die Wahrnehmung Ihrer Rechte und Pflichten aus Ihrem Amt als Pastor an der Hauptkirche St. Jacobi untersagt worden. Sie sind also verpflichtet, sich derzeit jeder Art pfarramtlicher und pastoraler Tätigkeit in Wortverkündigung, Sakramentsverwaltung und in der Ausübung des Amtes als Pastor zu enthalten. Daraus folgt, daß Sie mit der von Ihnen geplanten Veranstaltungsreihe und insbesondere durch die Predigt gegen Wortlaut und Inhalt des Beschlusses des Hamburger Kirchenrates verstoßen würden. Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß die Zuwiderhandlung gegen die Anordnungen des Hamburger Kirchenrates als Verstoß nach § 61 des Pfarrgesetzes der VELKD (Anmerkung der Red.: Vereinigte Evangelische Lutherische Kirche in Deutschland) zu beurteilen wäre und daß Sie daher ggf. mit der Einleitung von Maßnahmen nach dem Amtszuchtgesetz zu rechnen hätten.“

Der „Fall Schulz“ muß vor dem Hintergrund jenes „Lehrbeanstandungsverfahrens“ gesehen werden, das dem „Ketzer-Pastor“ ins Haus steht. Paul Schulz ist ausgebrochen aus den Normen der kirchlichen Ordnungsprinzipien. Er hat heftig am Talar gezupft, und deshalb geht es im Streit zwischen dem suspendierten St.-Jacobi-Pastor und der nordelbischen Kirchenleitung auch gar nicht darum, ob man eine kirchliche Fete in der Hamburger Markthalle mit Meditationen und Jazzmusik billigen könne oder nicht; hier geht es darum, ob ein Mann wie Paul Schulz noch, das Recht hat, im Talar solche Veranstaltungen aufzuziehen und obendrein dafür einen Obolus zu kassieren.

Das Programm unter dem Stichwort „Communio humana“, das der „abtrünnige“ Pastor für sechs Sonntage als kostenpflichtige Veranstaltung unter dem Motto „Kirche im Wandel“ geplant hat, trifft nicht deshalb auf den Widerstand der Kirchenoberen, weil hier neue Formen des Gottesdienstes (Gruppendynamik, Gruppenmesse, Jazz und Lyrik) propagiert werden sollen, sondern weil sich hier ein Mann zum kirchlichen „Zampano“ aufschwingt, der – nach Auffassung der Kirchenleitung – nicht mehr in den Talar paßt.

„In meinem Verfahren werde ich zwei Dinge zu erreichen versuchen“, sagt Paul Schulz; „ich will etwas von der Spannung bewußt machen, in der heute ein Pastor steht, zwischen gemeindlicher Frömmigkeit und wissenschaftlicher Theologie. Und ich will versuchen, die Dimensionen dieser Auseinandersetzung nicht auf meine Position zu verkürzen.“