Man glaube nicht, die Rundfunkgewaltigen wüßten, nicht um die Möglichkeiten des Mediums, dem sie vorstehen. Der Hörfunkdirektor des WDR, Manfred Jenke, legte im Mai dieses Jahres der „großen Programmsitzung“ so etwas wie die Quintessenz seines langen Nachdenkens dar: „Rommunikationsziele des Hörfunks.“ Der Direktor nahm kein Blatt vor den Mund: Es gehöre zu den „Eigenschaften des Mediums Hörfunk die Chance, ein aktuelles Ereignis unmittelbar an den Hörer zu vermitteln.“ Voraussetzung für den Direktbericht, so hat er schließlich herausgefunden, ist, „daß am Ort des Ereignisses ein Berichterstatter... ist“.

Nun weiß jeder im NDR, zu welchen Höhenflügen der Hörfunkdirektor abhebt, wenn er zu der neben seinem Schreibtisch postierten Reiseschreibmaschine greift, um eine WDR-Weisheit zu verkünden: „Der WDR sollte ... eine bundesweit anregende und auch Maßstäbe setzende Rolle übernehmen.“

Nein – die Maßstäbe wurden am 5. September 1977 gesetzt, als – sozusagen vor der Haustür des WDR – Arbeitgeberpräsident Schleyer entführt und seine vier Begleiter ermordet wurden.

Das aktuelle Ereignis, wurde es „unmittelbar an den Hörer vermittelt“? Es wurde nicht. Lag es daran, daß – Jenke: „Oft genügt ein Telephon“ – kein Berichterstatter am Orte war? Nein! Der freie Mitarbeiter und WDR-Reporter Conen (genannt Molucker-Conen, weil er seinerzeit das Molukker-Drama in Holland „coverte“) war als einer der ersten am Tatort. Er hatte ein Telephon im Auto. Doch wann immer sein Autotelephon (Nummer 55 73 21) im blauen BMW 3,0 läutete, es begehrten Fremde seine Dienste: denn kaum ein ARD-Sender, der nicht in Sonderberichten aus Köln das „aktuelle Ereignis unmittelbar dem Hörer vermitteln“ wollte.

Doch der Kölner WDR, in dessen „Hoheitsgebiet“ (ARD-Slang) das Schleyer-Ereignis fiel, dessen Hörer am ehesten durch Beobachtungen die schnelle Fahndung nach den flüchtigen Gangstern hätten unterstützen können – er „vermittelte“ direkt gar nichts.

Direktor Jenke, so mußte Aktualitätenchef Franzke den Redakteuren und Reportern verkünden, habe jede Einschaltung ins laufende Programm kategorisch verboten. Jenke mußte sich heftige Vorwürfe gefallen lassen. Verunsichert griff er zum Telephon, um bei Redakteuren und Reportern zu ergründen, wie’s weitergehen solle: „Was machen wir nur, wenn Schleyer was passiert?“, oder er eilte über halbdunkle Flure zur Bereitschaftsredaktion, von wo er nach heftigem Streit (Reporter Sonne: „Eine journalistische Fehlentscheidung“) zur Geisterstunde mit unbekanntem Ziel entschwand. Seit jenen Stunden heißt Jenke im Kölner Funkhaus: „Das Nachtgespenst.“

Anderntags bliesen die frustrierten Aktualitätenmacher zur Attacke: In der „großen Programmsitzung“, jenem Gremium, dem Direktor Jenke unlängst seine „Kommunikationsziele“ unterbreitet hatte, war von einem „Desaster“ die Rede, von der Unfähigkeit des WDR, ein aktuelles Ereignis seinen Hörern zu vermitteln. Der Chef war schon arg gerupft, als er gefragt wurde, wie denn er selbst sich am Abend der Entführung informiert habe. Jenke: „Ich habe Südwestfunk gehört.“

Telebiss