Von Horst Bingel

VO. Stomps, das heißt ein Leben lang wider den Strich leben, schief angesehen werden, weitermachen.

Stomps wußte, daß Freiheit in der Beschränkung des Lebensstandards begründet ist, daß Besitz unfrei macht. In ihm war das bürgerliche Ideal der Emanzipation durch Literatur, durch Kunst erhalten. Trotz aller Skepsis gegenüber der Literatur und dem literarischen Betrieb – oder gerade deswegen.

„Wenn man mich fragt, was mich zu meiner verlegerischen Arbeit... trieb, dann erinnere ich mich einer schnoddrigen Antwort, die mir als junger Mensch bei ähnlicher Fragestellung stets auf der Zunge lag: die Meistersinger waren schuld daran. Hiermit kennzeichnete ich das kalte Dozieren, das in überheblicher Abschätzung des Erstlings eines jungen Autors oft üblich war, wie auch jene Sperre, die mir in philiströser Zeit dem Nachwuchs errichtet schien... Man sollte dem Experiment in der Literatur konzedieren, daß es ein lebendiges Element ist, das Neues entdeckt, ohne in jedem Fall gültig vollbringen zu müssen. Am wirksamsten ist es dort, wo es angreifbar ist.“ (V. O. Stomps, „Anthologie als Alibi“, Berlin, 1976.)

Welche Autoren zog ein Mensch wie V. O. Stomps an? Stomps, der Erfinder heiterer Druckfehler – „Liegender weiblicher Abt“ – schaute sich „den jungen Autor an, ob er die Besessenheit mitbringt, ein ganzes Leben zuschreiben, notfalls erfolglos.“ Zum Autor gehört „ein eiserner Hintern, ein großer Papierkorb.“

Was unterschied Stomps von anderen Verlegern? Es gibt zahlreiche Legenden. Sicher, er war Schloßherr auf Sanssouris, doch er war auch der Sohn aus großbürgerlichem Haus, der Jura, Germanistik und Psychologie studiert hatte. Stomps war Offizier im Ersten Weltkrieg, Freideutscher, Verleger jüdischer Autoren während des Dritten Reichs und emigrierte schließlich in die Wehrmacht. Er war Oberstleutnant bei der Artillerie im Zweiten Weltkrieg. V. O. Stomps gründete in der Kriegsgefangenschaft in Reims eine literarische Kriegsgefangenenzeitschrift. Er war nach dem Krieg Mitglied der KPD und fing wieder einen neuen Verlag an.

Literatur war ihm nie kaufmännisches, gesellschaftliches Alibi, kein Aushängeschild. Der Autor, der von ihm verlegt wurde, nahm die Erfahrung mit, daß nicht der Respekt vor großen Namen zählt, sondern Prüfung, eigenes Urteil.