Bremen

Drei Dutzend Menschen in einem Saal, um ein langgezogenes Tischkarree herum, in der Luft Weingeruch, auf den Tischen und in den Händen Gläser, Gläser halb voll Rotwein, Hunderte von Gläsern, und kein lustiges Geschnatter, sondern Stille, allenfalls Schnaufen: das kann natürlich keine Kummergemeinde sein und auch kaum ein Hellseher-Kongreß, sondern nur eine Weinprobe.

Von solchen „Verkostungen“, wenn sie.seriös und professionell betrieben werden, hängt das Wohl und Wehe vieler Winzer und Händler ab – um den ökonomischen Belang vor dem Vergnügen des Verbrauchers zu nennen. Aber dieses Vergnügen eben auch – die Kaufentscheidungen der großen. Häuser fallen in seinem Namen, und wenn man so kostet, was dem deutschen Publikum für Wein angeboten wird, muß man durchaus an der Menschenfreundlichkeit vieler. Händler und am Selbsterhaltungstrieb der Käufer zweifeln.

In Bremen, der Hochburg hochwertigen Weinimports, fand eine Verkostung statt, die keine so finsteren Betrachtungen rechtfertigte, sondern dem heiteren Zweck gewidmet war, ein sachverständiges Publikum in seinen Vorurteilen zu bestätigen ... nein, natürlich nicht, also: die Vorurteile einmal zu überprüfen. Kernfrage: Ist der berühmteste Wein denn auch wirklich der beste?

Diese Frage scheint fast blödsinnig und andererseits geradezu ketzerisch zu sein, so sehr tummeln sich doch auf dem Gebiet des Geschmacks die Moden und die Snobs. Aber da mit dem Geschmacksurteil oft der Preis zusammenhängt, lohnt die Probe. Sie wurde veranstaltet von drei Unternehmen, denen Bremen kulinarischen Ruf verdankt: das sind die Importeure Reidemeister & Ulrichs, Segnitz und das Feinkosthaus Grashoff. Sie bewiesen, wie verdient ihr Ruf ist, indem sie für diese Gelegenheit Bordeauxweine sammelten und zusammenstellten (das dauerte rund ein Jahr), die sie selbst kaum anbieten und von denen sie nur wenige beschaffen können.

Das Motto: Diese Weinprobe soll in erster Linie unsere persönliche Erfahrung bereichern. Das Thema der Probe: Ein Vergleich des berühmten Château Lafite-Rothschild mit seiner Umgebung, von berühmten Nachbarn in der Gemeinde Pauillac, wie etwa Mouton-Rothschild, über die Kooperative La Rose-Pauillac bis hin zu prominenten Nachbarn in St. Estephe und weniger bekannten. Es schien der internationalen Weingemeinde faszinierend genug, um sowohl die Chefin der französischen Zeitschrift Cuisine et vins de France, Odette Kahn, nach Bremen zu bringen, als auch den auf diesem Gebiet weltberühmten Engländer Michael Broadbent, Direktor des Departments Weinauktionen im Londoner Versteigerungshaus Christie’s, eine Art Papst der Weinverkostung. Sein Ausspruch „Jene, die den Wein lieben als eine der echten Freuden dieses Lebens, scheinen doch zum kultivierten Teil der Menschheit zu gehören“ wurde von den Teilnehmern als gutes Motto empfunden.

Im Lauf der Probe wurden für die 36 Teilnehmer mehr als tausend Gläser gefüllt – genau 35 für jeden, numeriert und ohne jedes weitere Kennzeichen/Der erste Akt brachte siebzehn Sorten des Jahrganges 1973. Nach längerer Pause folgten elf von 1970, schließlich sieben aus dem Jahrgang 1962. Wie es sich gehört, stand für gelegentliche Erfrischung der Zunge nur Mineralwasser zur Verfügung, dazu etwas trockenes Weißbrot. Zu rauchen wagte selbstverständlich niemand. Stundenlang hörte man im Probiersaal des Bremer Parkhotels nichts anderes als leises Gläserklingen, Schlürfgeräusche (noch leiser), Papiergeraschel und, seltener, gedämpftes Gemurmel ...