Niemand lasse sich ins Bockshorn jagen, weil es so still aussieht: Hinter den Mauern dieser schwungvollen Urlaubsbastion, die sich als Menschengemachtes so tapfer gegen das Gottgemachte draußen wehrt, wimmelt es von Natur und Mensch. Tausende von Kammerarchitekten sind darin zum „Bundes-Architektentag“ versammelt worden, um das Bollwerk tagend gewissermaßen trockenzuwohnen, ehe es seiner eigentlichen Bestimmung überlassen wird. Ihnen selbst stockte der Atem im Angesicht dieser großartigen Symbiose von Meer und Berg, Nordsee und Alpen, von mantimer und alpiner Architektur. Das „endlose Haus“ zeigt hinter seinen kleinteiligen Fassaden eine. Gipfelwelt von innen, farbig gesteigert bis zum Alpenglühen, sowie das gezähmte Meer in Hunderten von Bassins, pasteurisiert, windfrei und aufgegrünt.

Abgesehen von den Stilgrobianen, die von dem auf „graues Tuch und zehn Prozent Weiß“ programmierten Scheer-Paul Bartschen Colour-Sensor abgewiesen wurden, weil sie die Farbenkomposition beeinträchtigt hätten, lauschte das Architektenzehntausend im Hauptsaal amüsiert jenen wütenden prominenten Laien, die engagiert waren, ihnen einmal die Leviten zu lesen. Auf den Gesimsen rundum meldeten sich dann und wann die in Plastilin nachgebildeten Köpfe vieler Mächtiger aus Regierung, Opposition, Gewerkschaft und Kirche, indem sie ihre bestellten Grußbotschaften mehrmals hintereinander gleichzeitig verströmten.

Trotzig bewegt schlenderten die Betroffenen danach zu den Beispiel-Terrassen. Dort waren in Gürtelhöhe die literaturfähigen Bauwerke zum Abzeichnen aufgebahrt. Die kritisierte oder bloß ignorierte Stapelware der niederen Baukunst stand, um bespien zu werden, in Knöchelhöhe auf 90 X 150 X 50 cm großen Quadern, die einem in Florenz kreierten Architektur-Friedhofsbaukasten entnommen waren. Übrigens erkannte man die vielen Räume, die damit gänzlich ausgestattet waren, an dem tremolierend ausgestrahlten Satz: „Bauen... ein Wort, das in uns hallen sollte, wie ein Jubelruf, der uns zu unserer eigentlichen höheren Bestimmung ertönt.“ Erst beim Nachstecken von dreizehn Groschen, welche nur wenige passend hatten, war im sogenannten Behneschen Apparat auch die Fortsetzung zu hören: „... ist uns ein so banaler Trivialismus geworden, daß der Klang müde zur Erde fällt.“

Die progressive „Frühlicht-Kommission“ hatte mittlerweile einen Brief an die „Lieben Freunde im Werk“ bekanntgemacht, heimlich gedacht als Aufruf: „Ich möchte euch diesen Vorschlag machen: Zu bauen gibt es heute fast nichts. Ehrlich gesagt: es ist ganz gut, daß heute nicht ‚gebaut‘ wird. So können die Dinge reifen, wir sammeln Kraft, und wenn es wieder beginnt, dann kennen wir unser Ziel. Seien wir mit Bewußtsein ‚imaginäre Architekten‘! Wir glauben, daß erst eine völlige Umwälzung uns zum Werk führen kann. Der Bürger wittert ganz mit Recht in uns die Revolution.“

Als sich bedenklich viele arbeitslose Kollegen, besonders Kolleginnen zu dieser selbstlosen Haltung bekannten, sammelte ein Ad-hoc-Ausschuß „Bleiben wir realistisch!“ Stimmen für die Wiedergeburt des Karyatiden, als des sichtbaren Zeichens für den Vorsatz, alles Gebaute in die Kunst hochzuhalten, denn gebaut werden müsse immer weiter.

In der sogenannten Zentralbrust, der erogensten (und höchsten) Zone des gewaltigen maritim-alpinen Baukörpers, erwarteten irgendwie Privilegierte ein besonderes Spektakel. In der Kristallwarze funkte ein raffiniert geschliffener B-Taut-Blinker Signale an eine nahende Betonwolke, eine fliegende Stadt mit Namen „Santelia“, welche zunächst die Form eines Wolkenbügels annehmen, sodann den Schriftzug „arch schön“ bilden und sich danach – mit dem Architekten des gesamten sichtbaren Arrangements in einer Villa an Bord – dem buchtenumschlingenden Küsten-Ferien-Bollwerks einverleiben sollte. Sie fiel jedoch ins Wasser.

Das Präsidium der Kammer versagte sich „das kosmisch-komische Luftvergnügen“ und beschloß, den Bundes-Architektentag zunächst als Woche, dann jedoch fortlaufend als Monat zu veranstalten, weil man unbedingt „im Gespräch bleiben“ wolle, solle und müsse. Nach einer Farewell-Erbsensuppe war man sich einig, daß nunmehr mit der Freisetzung des Bauwerks begonnen werden müsse, um, wie man es ausdrückte, den Besatz mit Touristen einleiten zu können. Es war eine große Umsetzungs-Aktion, der durch die „mondiale“ Art der Verzimmerung besondere Reize zugeschrieben wurden.

Nur Hauswart Labude zitterte ein wenig vor der Zukunft. Aber er hatte inzwischen – für alle Fälle – schwimmen gelernt: Er hat ja das Meer vor der Haustür.