Von Rudolf Walter Leonhardt

Wer viel fragt, kriegt viele Antworten: helfende, freundliche, intelligente und aufschlußreiche in der Mehrzahl, aber auch kritische, polemische, und auch die sind nützlich.

Es ist ganz schwer abzugrenzen, was das eigentlich ist, „die Lieder des Zweiten Weltkrieges“. Die meisten Marschlieder, vom schönen Westerwald bis zur schwarzbraunen Haselnuß, waren ursprünglich gar keine Soldatenlieder. Andererseits erschiene es mir unsinnig, die Lieder des Zweiten Weltkrieges auf die Marschlieder zu beschränken.

Sicher sind die Lieder des Zweiten Weltkrieges auch nicht zu beschränken auf die Lieder, die zwischen 1939 und 1945 entstanden sind. Da bliebe nicht viel übrig. Auch eine personelle Abgrenzung ist nicht möglich: Wenn Hitlerjungen zum Arbeitsdienst und zum Militär kamen, brachten sie ihre Lieder ebenso mit wie Soldaten, die als Ausbilder zur Hitlerjugend und zum Arbeitsdienst abkommandiert wurden.

Es ist mir daher trotz langem Studium hilfreicher Leserbriefe noch immer keine bessere Erklärung eingefallen: Lieder des Zweiten Weltkrieges sind für mich Lieder, die während des Zweiten Weltkrieges überall freiwillig gesungen wurden. Daran sich anschließende Diskussionen der Willensfreiheit gehen mir zu weit. Ein Rekrut auf dem Exerzierplatz singt weniger freiwillig als ein Infanterist in seinem Bunker. Aber auch in den Bunkern der Hauptkampflinien wurde gesungen. Daß man sich hüten mußte, den Kameraden von der anderen Feldpostnummer akustische Signale zu geben, weil man dann sofort unter Beschuß geraten wäre, ist eine eher zivile Vorstellung vom Krieg. Nur in seltenen Fällen traf sie zu.

Es wird ja nicht dauernd gekämpft. „Die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat vergebens“, steht auf Posten herum (da singt er freilich kaum), liegt in Bereitschaft, schlägt die Zeit tot, marschiert vorwärts oder zurück, wird tagelang gefahren von einer Front zur anderen, von der Etappe an die Front, von der Front an die Etappe. Viele wurden mit der Angst besser fertig als mit der entsetzlichen Langeweile. Wir lernten damals das Wort „Beschäftigungstherapie“ kennen. Und manchmal konnte das Singen auch als Beschäftigungstherapie verstanden werden.

Ich hatte fünf Thesen aufgestellt, und die erste hieß: „Kampflieder standen in den Liederbüchern; gesungen wurden sie (freiwillig) nicht.“ Sie fand weitgehend Zustimmung. „Mit dem Deutschlandlied auf den Lippen“ stürmte im Zweiten Weltkrieg keiner. Die Stimmung war ganz anders als im Ersten.