Wo die Mosel in den Rhein fließt, am Deutschen Eck, gegenüber Ehrenbreitstein, der früher stärksten Rheinfestung Preußens, liegt Bonns heimliche Rüstungshauptstadt – Koblenz. Hier sitzt das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung. Hier sind 20 000 Menschen damit beschäftigt, Waffen und sonstiges militärische Gerät für die Bundeswehr zu kaufen, die Entwicklung zu planen und zu überwachen.

Das ausgerechnet die Garnisonstadt Koblenz Standort für das größte Beschaffungsunternehmen der Bundesrepublik wurde, ist schierer Zufall. Als nach der Gründung der Bundeswehr 1956 nach einem geeigneten Unterstand für das Amt gesucht wurde, bot sich Koblenz allein deswegen an, weil die dort provisorisch untergebrachte Landesregierung Rheinland-Pfalz gerade in die neu gekürte Landeshauptstadt Mainz umzog. Gebäude standen leer. Die Gelegenheit wurde genutzt.

Die Entscheidungswege, die schließlich in Koblenz zusammenlaufen, sind lang. Oft vergehen viele Jahre, bis ein neues Waffensystem bei der Bundeswehr eingeführt wird. Am Anfang aller Überlegungen steht jeweils die militärische Forderung. Die Führungsstäbe von Luftwaffe, Heer und Marine definieren am grünen Tisch, womit sie einen möglichen Angriff abwehren wollen. Beispiel: Das neue Kampfflugzeug „Tornado“, mit dem die Luftwaffe ab 1979 fliegen will, soll ein Mehrzweckflugzeug werden: auf kürzestem Weg starten und landen können, bei jedem Wetter fliegen, dabei so tief wie möglich, um feindlichem Radar zu entgehen, zugleich aber auch in großen Höhen operieren können und dabei so wendig bleiben wie möglich.

Was die Militärs fordern, setzen danach Techniker in ein praktisches Konzept um. Es folgen Entwicklung und Erprobung. Erst dann wird der Startschuß für den Serienbau erteilt. Koblenz ist in allen Phasen mit dabei.

Das Beschaffungsamt steht mit 10 000 Firmen im Kontakt, die unmittelbar für die Rüstung tätig sind. Rechnet man deren Zulieferer hinzu, so hatten bis heute rund 40 000 Betriebe irgendwann einmal mit Koblenz zu tun. Jährlich versorgt das Amt 2000 bis 2500 Firmen mit Rüstungsaufträgen.

Über 80 Prozent aller Lieferanten sind Betriebe der gewerblichen Wirtschaft. Handel und Handwerk teilen sich den Rest. Die meisten Geschäftspartner der Waffenkäufer sind kleine, mittelständische Betriebe. Ein Fünftel aller Auftragnehmer sind Firmen mit weniger als 50 Beschäftigten. Die Aufträge werden breit gestreut. Das Geld wird auf so viele Unternehmen verteilt, um den Bundeswehranteil am Umsatz der Betriebe gering zu halten und damit eine gegenseitige Abhängigkeit zu vermeiden. Eine regelrechte „deutsche Rüstungsindustrie“ läßt sich also schwerlich ausmachen. Nur etwa ein Prozent aller Industrieumsätze stammen aus diesem Geschäft.

Dennoch drängeln sich die Firmen heute in Koblenz um Bundeswehraufträge. Als die zivilen Orders noch reichlich flossen, als nationale und internationale Ressentiments es überdies geboten, die Finger von der Waffenproduktion zu lassen, konnten und mußten sich die Firmen Abstinenz im Rüstungsgeschäft noch leisten. Das hinderte die, die sich schon früher einschlägig betätigt hatten, freilich nicht, wenigstens intern die Entwicklung so voranzutreiben, daß sie jederzeit wieder einsteigen konnten.