Daß sich an der Börse die Kurse einzelner Aktien innerhalb weniger Tage verdoppeln, zählt zu den Seltenheiten. Bei den sogenannten Restquoten der Dresdner Bank war dies jetzt der Fall. Diese Restquoten – sie gibt es auch von der Commerzbank und der Deutschen Bank – stammen noch aus der Zeit, als die Alliierten 1952 die Neugründung von Nachfolgeinstituten der alten deutschen Großbanken erlaubten.

Dem aufmerksamen Leser von Kurszetteln kann nicht entgehen, daß die drei deutschen Großbanken jeweils mit zwei Börsennotizen auftauchen. So erscheint einmal die Deutsche-Bank-Aktie mit 290 Mark, die Dresdner-Bank-Aktie mit 234 und die Commerzbank-Aktie mit 201 Mark. Daneben gibt es unter den gleichen Namen Kurse, die sich zwischen 1,50 und 4 Mark bewegen. Bei diesen „billigen“ Papieren handelt es sich um die sogenannten Restquoten. Sie verbriefen die Rechte der Aktionäre an dem Restvermögen der alten deutschen Großbanken, die 1945 ihre Aktivitäten einstellen mußten. Im wesentlichen, handelt es sich dabei um Ansprüche der Altbanken auf den in der DDR und den verlorengegangenen Ostgebieten gelegenen und enteigneten Besitz.

Zu den Seltsamkeiten der Börse gehört, daß die Restquoten noch in Reichsmark notiert werden; denn das Aktienkapital der Altbanken ist nie auf Deutsche Mark umgestellt worden. Statt dessen erhielten die Aktionäre Aktien der aus den Altbanken hervorgegangenen Institute.

So bekamen die Besitzer von je 1000 Reichsmark Aktien der alten Dresdner Bank 140 Mark der Hamburger Kreditbank, 240 Mark der Rhein-Ruhr-Bank und 240 Mark der Rhein-Main-Bank sowie eine neue Aktie der (alten) Dresdner Bank (Ausgabe 1952) über den vollen Nominalbetrag von 1000 Reichsmark. Offiziell beträgt das Grundkapital der (alten) Dresdner Bank 150 Millionen Reichsmark. Von den Altaktien werden an den Börsen 100-Reichsmark-Stücke gehandelt. Zur Erinnerung: Die drei genannten Nachfolgeinstitute sind 1956 zur neuen Dresdner Bank verschmolzen worden.

Dies zur Erklärung für jene Leser, denen die Restquoten kein Begriff mehr sind. Wer den Hintergrund nicht kennt, für den bleibt die jetzige Spekulation in diesen Papieren rätselhaft.

Den Anstoß dazu gaben Anfang dieses Monats die „Frankfurter Börsenbriefe“, ein in Anlegerkreisen viel beachteter Börseninformationsdienst. Er forderte, endlich mit der Vergangenheit Schluß zu machen: „Für einen Zusammenschluß der Institute (gemeint ist die Fusion von alter und neuer Dresdner Bank) mit entsprechendem Umtauschangebot für die Altaktionäre – ließe sich sicher die Zustimmung auf einer Hauptversammlung finden.“ Als dann bekannt wurde, daß die alte Dresdner Bank am 25. Oktober in Berlin eine Hauptversammlung abhalten würde, kam denn auch prompt der Antrag eines Aktionärs, die ruhende Bank mit dem aktiven Institut auf der Basis eines Umtausch Verhältnisses von drei alten in eine neue Aktie zu verschmelzen. Praktisch bedeutet das, daß für drei Restquoten im Wert von rund zehn Mark eine neue Dresdner-Bank-Aktie im Wert von 234 Mark gezahlt werden soll! Daß so etwas in den Bereich der Phantasie gehört, dürfte auch dem Aktionär (er soll Dresdner-Bank-Reste im Nennbetrag von einer Million Reichsmark besitzen) von vornherein klar gewesen sein. Doch mit der Veröffentlichung seines Antrages und dem daraus entstandenen Wirbel hat er bereits ein Ziel erreicht: Der Wert seiner Banken„reste“ hat sich verdoppelt.

Es hat in der Vergangenheit immer wieder Spekulationen um die „Reste“ gegeben. Zeitweise wurden sie an der Börse mit mehr als 20 Mark notiert. Möglicherweise kamen diese aus heutiger Sicht hohen Kurse zustande, als die neuen Großbanken bemüht waren, die Altaktien, die immerhin ihren Namen tragen, in „sichere Hände“ zu überführen. Nur so konnte ein eventueller Mißbrauch mit dem Namen verhindert werden. Offiziell besitzen die Großbanken jeweils „mehr als 25 Prozent“ des Reichsmarkkapitals ihrer Vorgängerinnen. Man darf aber annehmen, daß auch an anderer „befreundeter“ Stelle erhebliche Posten an Restquoten liegen, so daß eine wirksame Kontrolle gewährleistet ist. Darauf deutet jedenfalls der enge Markt in den Restquoten hin. Die jüngste Hausse in diesen Papieren erfolgte jedenfalls bei minimalen Umsätzen. So waren nur wenige 10 000 Mark notwendig, um den Kurs der Dresdner-Bank-Reste fast zu verdreifachen.