Von Gabriele Venzky

Sie sangen Nkosi Sikelele Afrika – Gott schütze Afrika. Aber ihre drohend geballten Black-Power-Fäuste redeten sich wie zum Schwur empor: Wir sind bereit, die Kampfansage anzunehmen. Dann möge Gott wahrhaftig Afrika schützen und sich der Weißen erbarmen.

Wie ein Lauffeuer hatte sich in Südafrika die Nachricht von Tode des populärsten Führers der schwarzen Bewegung, Steve Biko, verbreitet. Mehrere hundert Menschen waren ins Diakonia-Haus nach Braamfontein geströmt, jenem Stadtteil von Johannesburg, in dem gleich um die Ecke die Wirtschaftsbosse in ihren Hochhäusern den Reichtum der weißen Minderheit managen.

Für viele war der Tod von Steve Biko der letzte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Auch für die 1200 Studenten, die auf dem Campus der schwarzen Universität von Fort Hare verhaftet wurden, oder die Tausende, die am Gedenkgottesdienst in der Kathedrale von Soweto, dem schwarzen Arbeitergetto von Johannesburg, teilnahmen. Die Revolte in Soweto im vergangenen Jahr und die blutigen Unruhen in den anderen Gettos Südafrikas hatten damals noch nicht alle Wege für eine friedliche Lösung zwischen Schwarz und Weiß verschüttet. Der Tod von Steve Biko aber mag leicht jener berühmte Punkt gewesen sein, von dem es kein Zurück mehr gibt.

Um so ungläubiger, ja fassungsloser war denn auch die Reaktion all derer, die nicht im erbarmungslosen Rassenkampf den einzigen Ausweg sehen. Immer wieder die Frage: „So dumm können die doch gar nicht sein, so etwas zuzulassen“, von Schwarz und Weiß gleichermaßen gestellt. So war auch der Tenor der liberalen Presse des Landes.

Dummheit oder Taktik einer Regierung von vier Millionen Weißen, die nicht bereit ist, auf ihre Herrschaft über 20 Millionen Schwarze zu verzichten? Den gleichen Parteikongreß der regierenden Nationalpartei, der auf die Nachricht vom Tode Bikos mit Gelächter reagierte, hatte Südafrikas Premierminister Vorster in der vergangenen Woche mit einem neuen Bekenntnis zur Apartheid eröffnet und erklärt, sein Land werde sich keinem Druck von außen beugen.

Schließlich war der 30jährige Biko nicht irgendwer gewesen – und er war nicht irgendwo gestorben. Viele sahen in ihm den möglichen ersten schwarzen Premier Südafrikas, der nun auf mysteriöse Weise in Polizeigewahrsam ums Leben gekommen ist: Der einundzwanzigste sogenannte Selbstmord eines schwarzen politischen Gefangenen in eineinhalb Jahren. „Es war Mord“, sagen schwarze Südafrikaner; „sie wollten ihn zum Schweigen bringen. Mord wie bei den anderen, die an den Folgen der Folter gestorben sind. Nur hatten sie noch nie ein so prominentes Opfer.“