Kooperation zwischen den Tarifparteien wäre nötiger denn je. Doch sie steuern auf Kollisionskurs

Künftige Historiker sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Wie werden sie einmalerklären, warum in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts angesichts eines Massen Wohlstandes, wie er noch eine Generation zuvor unvorstellbar war, in den westlichen Industrieland dern heftige Verteilungskämpfe stattfanden, bei denen es oft nur um Bruchteile von Prozenten ging? Wie wird man das Rätsel lösen, daß ausgerechnet das Wirtschaftssystem, das diesen geschichtlich einmaligen Reichtum der Nationen möglich gemacht hat, nämlich die marktwirtschaftliche Ordnung, von mächtigen Gewerkschaftsführern, einem Teil der Presse und großen politischen Gruppen so heftig angefeindet und zur Disposition gestellt wurde?

Wer in diesen Tagen hört und liest, wie Eugen Loderer, Chef der IG Metall, in Wort und Schrift wider die Marktwirtschaft im allgemeinen und die Unternehmen im besonderen zu Felde zieht, muß den Eindruck erwecken, der Vorsitzende der größten deutschen Gewerkschaft wolle zum heiligen Krieg aufrufen. Wer wörtlich nimmt, was Loderer sagt, muß glauben, daß die Unternehmer nicht mehr und nicht weniger im Schilde führen, als die gesamte Arbeitnehmerschaft zurück in Not und Elend zu stoßen. Als die Arbeitgeber mit ihrer Klage gegen das Mitbestimmungsgesetz vor das Bundesverfassungsgericht zogen, war dies sicher der falsche Entschluß zum falschen Zeitpunkt. Sie haben damit den Gewerkschaften die zur Überwindung der Krise dringend notwendige Kooperation mit dem Tarifpartner fast unmöglich gemacht. Andererseits läßt Eugen Loderer aber jedes Augenmaß vermissen, wenn er die Wahrnehmung eines verfassungsmäßigen Rechts in einer Form anprangert, als handele es sich um einen Staatsstreich.

Gewiß, vieles was Loderer in den letzten Tagen und Wochen gesagt hat, richtet sich nur formal an die Öffentlichkeit. In Wirklichkeit ging es ihm vor allem darum, sich den Delegierten des IG-Metall-Kongresses als mächtiger Streiter für die Interessen der Arbeitnehmer zu präsentieren – und möglichst viele Stimmen bei der Vorstandswahl zu kassieren. Doch vom Vorsitzenden einer so einflußreichen Organisation wie der IG Metall muß erwartet werden, daß er über den Wahltag hinaus denkt.

Wie sollen die Mitglieder nach so viel Kampfgeschrei verstehen, wenn sich ihre Funktionäre mit den „heuchlerischen“ und „aggressiven“ Arbeitgebern an einen Tisch setzen und nur bescheidene Lohnerhöhungen herausholen? Und mehr ist nicht drin. Der jüngste Bundesbankbericht hat wieder deutlich gemacht, daß von einem Aufschwung weit und breit nichts zu sehen ist. Wie soll er auch je zustande kommen, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften weiter auf Kollisionskurs steuern?

Loderer und die anderen Falken im Gewerkschaftslager sind sich vielleicht gar nicht klar darüber, wie ihre starken Worte vor allem auf die große Zahl der kleinen und mittleren Unternehmer wirken. Daß deren Investitionslust nicht gerade steigt, wenn sie täglich neue Drohungen mächtiger Gewerkschaftsführer vernehmen und zusehen müssen, wie in den Regierungsparteien die Gegner der Marktwirtschaft ständig an Boden gewinnen, darf doch niemanden erstaunen. Ein so klares Bekenntnis zur Marktwirtschaft, wie es von der saarländischen FDP vorbereitet wird (siehe Seite 22), hat inzwischen Seltenheitswert.

Aber genau dies gehört eben zu den Merkwürdigkeiten, die unsere Wohlstandsgesellschaft künftigen Historikern zu bieten hat.

Michael Jungblut