Von Klaus-Peter Schmid

Französische Politik bleibt für deutsche Beobachter oft ein Rätsel. Ein Industriestaat mit einem mächtigen Staatspräsidenten, einer ausgeprägten Eliteschicht, einem Sinn fürs Pragmatische, einem starken Politikernachwuchs – wie nur können da Entscheidungen getroffen werden, die oft ausgesprochen starr, konservativ, ja bisweilen kleinkariert erscheinen? Die Antwort ist relativ einfach: Wer deutsche Maßstäbe an Frankreich anlegt, bekommt es kaum in den Griff. Bei unseren Nachbarn haben Geschichte, Tradition, Kultur, überkommene Strukturen ein ganz anderes Gewicht als in der Bundesrepublik. Frankreich hat seine eigenen Wertungskriterien, die dem Außenstehenden den Zugang zu seiner politischen Philosophie erschweren.

Ein Amerikaner sucht mit seinem verständlich geschriebenen Buch, diesen Zugang zu erleichtern:

Henry W. Ehrmann: „Das politische System Frankreichs“; Piper Verlag, München; 247 S., 28,– DM.

Dem Autor geht es nicht darum, die Staatsstruktur in ihren letzten Verästelungen und juristischen Grundlagen darzustellen. Er zieht es vor, Frankreich in seinen Widersprüchen und scheinbar unlogischen Reaktionen zu erklären. Er demonstriert überzeugend, daß vieles, was Nichtfranzosen häufig mit einem Kopfschütteln kommentieren, am Ende einer langen historischen Entwicklung steht, also nur aus dem Selbstverständnis der Franzosen zu begreifen ist. Ehrmanns Buch, von Kurt Sontheimer flüssig übersetzt, ist somit mehr als eine Einführung in die französischen Institutionen; es ist eine Frankreichkunde im besten Sinne des Wortes.

Im Vordergrund steht natürlich die Verfassung der heutigen V. Republik. Doch ein Blick auf die Verfassungswirklichkeit zeigt, wie stark die sozialen und wirtschaftlichen Zustände den Buchstaben des Gesetzes modifiziert haben. Da Frankreich mit seiner zentralistischen Organisation der Verwaltungsbürokratie einen dominierenden Platz im politischen System einräumt, stimmt der Entscheidungsprozeß oft nicht mit der Theorie überein, wie sie von Paragraphen vorgezeichnet ist. Diesen Prozeß mit seinen Eigenheiten versteht Ehrmann deutlich zu machen. Seine Einführung in das politische System ist damit zugleich eine Einführung in Frankreichs Wirtschaftssystem und Sozialstruktur wie auch in die Psychologie unserer Nachbarn.

Die Darstellung bedient sich einer „französischen Optik“, bleibt aber deswegen nicht unkritisch. Gelegentlich scheint Ehrmann indes doch zu wohlwollend (etwa wenn er von der Rolle des Staatsrundfunks und -fernsehens spricht); manches müßte zum besseren Verständnis der Realität größere Beachtung finden (etwa Klassenkampf und ideologische Ausrichtung der Sozialpartner). Einige Ausführungen (speziell über das Wirtschaftssystem) geraten dem Autor zu unpräzise und werden damit mißverständlich.