Berühmte Maler benutzten die Kamera statt des Skizzenbuches. Günter Wallraff hat für sich eine neue Form des Tagebuchs erfunden: die Fernsehkamera. Wie er schon die Authentizität seiner Protestveranstaltung in Athen durch ein Fernsehteam festhalten ließ und den halblegalen Spinola-Besuch in Bonn, so hat er jetzt während seiner clandestinen Reportertätigkeit bei Bild ein schwedisch-holländischdeutsches Kamerateam wesentliche Abschnitte dieser Arbeit fixieren lassen. Entstanden ist ein ganz außerordentliches Dokument, das fraglos in die Geschichte der Zeitungswissenschaft eingehen wird. Es wird einst in allen seriösen Archiven gelagert sein.

Zu hoffen ist, daß es nicht nur dort lagern wird. Einstweilen allerdings scheint es, als sei der mündige deutsche Bürger nicht gar so mündig: Der mit Wissen und Einverständnis des so noblen wie liberalen Programmdirektors Werner Höfer vom WDR beauftragte Film war für den 11. September, 22.20 Uhr, in der ARD unter dem Titel „Informationen aus dem Hinterland“ angekündigt. Gesendet wurde dann allerdings Sportliches über Tennis vom Südwestfunk. Nachdem die erste Abnahme durch den neuernannten Programmdirektor Heinz-Werner Hübner mit lobenden Worten positiv verlief scheiterte eine zweite Abnahme am Einspruch des Chefjustitiars Prof. Günter Herrmann. Jörg Gförrer, der den Film drehte (und schon verschiedene Filme für SFB, Bayerischen Rundfunk und WDR produzierte), bekam bis zur Stunde keine Begründung, ob ein Votum des Intendanten vorliegt. Das Gutachten einer der renommiertesten Hamburger Anwaltskanzleien, das den Film für rechtlich unangreifbar und nicht beklagbar erklärt, blieb unbeantwortet.

So wird man demnächst nicht nur zum Abtreiben nach Schweden reisen müssen, sondern auch um deutsche Filme zu sehen. Im schwedischen Fernsehen nämlich lief der Film mit sensationellem Erfolg. Mehrere Tage lang wurde auf die Ausstrahlung zu Beginn der schwedischen Abendnachrichten hingewiesen, und die schwedische Tageszeitung Expressen räumte dem Ereignis eine Titelseite ein. Das schwedische Fernsehen hatte dem Springer-Verlag angeboten, vor der Ausstrahlung eine Stellungnahme zu senden. Der Verlag ließ sich darauf nicht ein, außer unter der Bedingung, daß der Film mehrere Tage vorher in die Springer-Zentrale nach Berlin geschickt würde. Darauf wiederum mochte sich das schwedische Fernsehen nicht einlassen.

Was der Film zeigt, ist allerdings sensationell. Keine einzige Szene ist gestellt, vielmehr hat das Team Wallraff und seine Kollegen bei der Arbeit – und das heißt zu guten Teilen bei der Fälscher-Arbeit – gefilmt. Es wird etwa bis ins Detail die Entstehung einer Bild-Story nicht im nachhinein, sondern genau während dieses Entstehungsprozesses festgehalten: Das Umtrimmen einer jungen Frau, die als sportliche Freizeitbetätigung Karate lernt. Aus ihr wird binnen kürzester Frist unter den Händen der Bild- Kosmetiker eine blonde, kornblumenäugige Fee mit Totschlägereigenschaften. Sie beteuert in allen Recherchiergesprächen, daß sie weder willens noch in der Lage ist, mittels Karate zu töten, und daß sie auch nie Opfer eines Vergewaltigungsversuchs war. Bei Bild liest sich das dann genau umgekehrt.

Sehr eindringlich dokumentiert der Film eine große Bild- Aktion zur Beschaffung von Ausbildungsplätzen. Es werden nicht nur die fragwürdigen Recherchiermethoden bloßgestellt, sondern auch die an der Grenze der Fälschung entlangschliddernden Zahlenmanipulationen – wenn etwa die Bereitschaft des VW-Werks, eine bestimmte Anzahl Lehrstellen zu schaffen, als niedersächsische Zahlen ausgegeben werden, während sie von VW für sämtliche Zweigwerke in der Bundesrepublik genannt wurden. Makaber dabei Pointen, die man nicht glaubte, wären sie lediglich geschrieben; das Medium Fernsehen in seiner Authentizität ist da schon ein gutes Hilfsmittel: Wallraff spricht aus einer Telephonzelle mit seinem Chef in der Bild-Zentrale und gibt Recherchierresultate über arbeitslose ausländische Jugendliche durch. Die Antwort: „Nur keine sozialen Probleme, dann lassen wir lieber, das Garze fallen. Wir haben ja noch ein schönes anderes Thema – 100 Jahre Gartenzwerg. Das kommt zwar aus Stuttgart, aber das fummeln wir dann auf Hannover um.“ Das liest sich anekdotisch, ist aber natürlich sehr viel mehr und legt Methoden bloß. Es bleibt nicht beim Gartenzwerg. Das faksimile abphotographierte Manuskript eines Wallraff-Artikels zeigt ganz präzise, wo und was gestrichen wurde und wo und was hineingeschrieben wurde.

Wallraff selber spricht gelegentliche Kommentare oder Reflexionen, eher leidenschaftslos, ganz und gar unpolemisch und damit sehr überzeugend. Nicht irgendeine aufgeregte Argumentation wirkt wie ein Peitschenknall, sondern die leise Überlegung, in die er sich selber durchaus mit einbezieht. So berichtet er zum Beispiel, wie rasch man sich emotional und unkontrolliert in das Räderwerk integriert, wie man sich plötzlich freut, wenn der Ressortchef einen Artikel abnimmt, und dabei ganz außer acht läßt, was eigentlich in dem Artikel steht. „Ich habe das erste Mal begriffen, wie es in der Nazi-Zeit gewesen sein muß“, sagt Wallraff dazu, mit seinem unkenntlichen Gesicht der Hans-Esser-Mimikry, ohne Brille, ohne Schnurrbart, ein anderer Wallraff nicht nur äußerlich. Wie sehr ihm die ganze Sache unter die Haut ging, ist an jeder Reaktion sichtbar, und seine Haltung nicht ohne Noblesse, wenn er ohne ein Wort der Kollegenschelte oder gar Verächtlichkeit davon spricht, wie „Bild“-Mitarbeiter zermahlen werden.

Man wäre froh, heute einen solchen Film etwa über den Hugenberg-Konzern zu haben, und man wird eines Tages froh sein, daß es diesen Film gibt. Aber Deutschland feiert ja lieber seine toten Helden. Kurt Tucholsky etwa, einer der bestgehaßten Journalisten der Weimarer Republik, wird jetzt vom Bundeskanzler in seinem Glückwunschtelegramm zum hundertjährigen Bestehen des Hauses Ullstein genannt. Nur, daß die Weltbühne in diesem Verlag nicht erschien.

Fritz J. Raddatz