Von Ulrich Goetz

Wer erinnert sich nicht an den respektlosen Schüler-Reim: „Wenn’s vorne kratzt und hinten beißt, hilft Klosterfrau Melissengeist!“

Der Spottvers spiegelt einen guten Teil der Vorurteile wider, mit denen sich die sogenannte Klostermedizin ebenso wie die gesamte Naturheilkunde konfrontiert sehen: Pflanzenextrakte und Kräuter-Elixiere würden bestenfalls nichts schaden – und wenn sie doch einmal wirkten, dann sei dies eher dem Zufall oder dem Glauben des Patienten an den Heiltrank zuzuschreiben.

Diese Skepsis gegenüber Naturheilstoffen beruht zum Teil wohl darauf, daß die alten Kenntnisse um die Heilwirkungen bestimmter Kräuter, Knollen und Wurzeln inzwischen fast vollständig in Vergessenheit geraten sind. Wie weit heute, im Zeitalter der Chemotherapie, das „Erbe der Klostermedizin“ noch genutzt werden kann, diskutierten Fachleute bei einem Seminar, das die „Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie“ kürzlich im Kloster Eberbach bei Eltville im Rheingau organisierte.

Medizin und Glaube waren früher enger miteinander gekoppelt als heute. Jahrhunderte hindurch pflegten Klöster – insbesondere die des Benediktiner-Ordens – die aus der Antike herübergerettete Heilkunst. Es gab kaum ein mittelalterliches Kloster ohne Kräutergarten, in dem die damals gängigen 16 Heilpflanzen wuchsen, oder ohne Spitalanlage, in der Geistliche und Laien streng nach Stand getrennt gepflegt wurden. Klöster verstanden sich damals als Stätten des Heils und der Heilung, in denen eine Gesamtheitsmedizin betrieben wurde, wie sie jetzt wieder etwa mit der psychosomatischen Medizin angestrebt wird.