Nie zuvor ist der Bundestag mit sich selbst so sehr im Widerspruch gewesen wie in der letzten Woche, als er zur Regierungserklärung Helmut Schmidts über die Entführung Hanns-Martin Schleyers zusammenkam. „Ich will heute keinerlei Anlaß zur Kontroverse bieten“, sagte der Kanzler gleich zu Anfang, und dabei blieb es auch. Gedeckt waren die Anzüge, getragen Tenor und Ton der Reden, langsam die Tempi. Noch der gemessene Beifall unterstrich die Ruhe.

Nur einmal flackerte die mühsam gezügelte Spannung auf – als Helmut Kohl zum Handeln drängte, die Forderungen der Opposition hervorhob und vom Mut zur Umkehr sprach. Das war eigentlich auf die Sympathisanten der Terroristen gemünzt. Aber da hielt es einen Sozialdemokraten nicht länger. „Was soll das denn?“ rief er dazwischen.

Was sollte das denn? Diese Frage stellten sich hinterher viele. Denn am Ende war die Sitzung derart würdig geraten, daß sie wie eine Gedenk-, wenn nicht gar wie eine Trauerfeier wirkte. Die einstündige Pause der Pietät, die das Parlament einlegte, bevor es sich dem neuen Steuerpaket der Regierungskoalition zuwandte, erhöhte die Feierlichkeit noch.

Aber damit wuchs auch der Selbsthader der Abgeordneten. Auf der einen Seite spürten sie, wie absurd es war, daß der Bundestag, das vielberufene „Forum der Nation“, sich statt in einer offenen Debatte nur in sorgfältig abgewogenen Erklärungen des Themas annahm, das derzeit alle Bürger bewegt, Auf der anderen Seite aber wußten sie recht gut, daß eine solche Debatte wahrscheinlich im Handumdrehen zum parteipolitischen Gemetzel geworden wäre, zumal bei der Frage nach den Ursachen des Terrorismus und der Mitschuld daran.

*

Eben, die Furcht vor einem solchen rhetorischen Blutbad hatte, abgesehen von taktischem Kalkül, zu dem Hin und Her vor der Sitzung geführt, das dann in den Kompromiß mündete, daß sich der Kanzler und die Fraktionssprecher nur in allgemeinen Erklärungen zu dem Anschlag auf Schleyer äußern würden. Ursprünglich wollte Helmut Schmidt zu allen mit dem Terrorismus verknüpften Aspekten und ebenso zur Außen- und zur Wirtschaftspolitik sprechen, gewissermaßen zur inneren und äußeren Lage der Nation. Zwischendurch jedoch kamen ihm Zweifel bis hin zu der Überlegung, die ganze Erklärung ausfallen zu lassen. Da faßte ihn jedoch die eigene Fraktion am Portepee. Von einem Rückzieher, der nach Kleinmut hätte aussehen können, wollte sie nichts wissen.

Helmut Kohl hingegen wollte eine ausführliche Debatte nicht nur aus Sorge vor einer heillosen Konfrontation vermeiden. So sehr seine Fraktion auf der offiziellen Linie der Verschärfung von Strafen und Sanktionen marschiert, so sehr stehen dort doch wieder „Falken“ und „Tauben“ gegeneinander – Falken, die am liebsten alle liberalen Rechtsformen der letzten Jahre rückgängig machen würden. In einer Bundestagsdebatte hätte sich dieses Gegeneinander vor aller Augen und Ohren ausgedrückt. Als sich schließlich auch Hans-Dietrich Genscher, der seinerseits einen Streit mit irreparablen Folgen, befürchtete, gegen eine ausführliche Diskussion zu diesem Zeitpunkt wandte, fielen die Würfel zugunsten einer Sitzung, in der sich alle bedeckt halten würden. Der FDP-Fraktionschef Wolfgang Mischnick, der gegen jede Debatte war, demonstrierte dann sogar besondere Konsequenz: Er redete überhaupt nicht. Statt dessen, ging sein Stellvertreter Hans A. Engelhard ans Pult.