Ich habe in den letzten vier Wochen mehr als sonst die Leitartikel der ausländischen Presse verfolgt, soweit sie sich mit Deutschland beschäftigt haben. Das begann mit den Aufregungen in Italien über das Entweichen des durch ein Kriegsgericht verurteilten, seinem Status nach immer noch Kriegsgefangenen Kappler aus Rom.

Gegenwärtig gibt es fast nirgendwo auf der Welt eine wichtigere Zeitung, die nicht im Laufe der letzten sieben bis zehn Tage einen Kommentar über die geistig-politische Entwicklung unseres Landes gebracht hätte – manche Zeitungen mehrere Kommentare. Ich rede hier nicht von solchen, bei denen zu spüren ist, daß eigene Minderwertigkeitskomplexe an uns abreagiert werden oder bei denen deutlich zu spüren ist, daß eigene innenpolitische Streitigkeiten auf dem Rücken des deutschen Partners ausgetragen werden. Sondern ich rede von denen, die wir ernst nehmen müssen. Es hat mich betroffen gemacht, daß es auch unter unseren wirklichen und langjährigen Freunden nachdenkliche Menschen gibt, die die Frage andeuten, ob nicht vielleicht bei den Deutschen ein besonderer Hang zu eigenen schrecklichen Wesenszügen besteht. Und deren andere Frage lautet, ob wir Deutschen nicht doch vielleicht in unserer Seele ein besonderes Potential haben für etwas, was ich jetzt einmal mit dem Wort Ordnungshysterie bezeichnen würde.

Ich habe mit tiefer Befriedigung die Anrufe von Carter, Giscard d’Estaing, Callaghan und anderen empfangen, ich habe mit tiefer Befriedigung auch gelesen, wie zum Beispiel die englische Presse – die Anfang des Jahres auf uns gar nicht so gut zu sprechen war – ein sehr objektives Bild bietet von dem, was in Deutschland gegenwärtig geschieht. Auch in der französischen Presse ist ja inzwischen eine Umkehr zu spüren gegenüber unglaublichen Tönen, die zunächst in ein oder zwei Zeitungen angeschlagen worden waren.

Wir selber aber müssen uns bewußt sein, daß, je besser es uns wirtschaftlich im Verhältnis zu anderen geht, um so weniger werden; Hitler und Auschwitz vergessen werden.

Ich bin nicht sicher, ob zum Beispiel alle, die über den Fall Kappler öffentlich geschrieben oder geredet haben, sich der Notwendigkeit ganz bewußt waren, keinen Zweifel daran lassen zu dürfen, daß es an der Scheußlichkeit der Geiselmorde heute vor 33 Jahren in Rom auch drei Jahrzehnte später für uns keine Abstriche geben darf, daß wir diese schlimmen Dinge nicht weniger vergessen dürfen, als die Angehörigen der Opfer sie vergessen. Und daß die Humanität gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen vor der Humanität gegenüber dem Täter stehen muß, auch wenn er inzwischen über 30 Jahre im Gefängnis gesessen hat und ein todkranker Mann ist.

Bei allem Wunsch nach Begnadigung, den die Regierungen Kiesinger, Brandt und auch meine Regierung in diskreter Weise immer wieder zur Sprache gebracht haben, habe ich doch kein Verständnis für diejenigen in Deutschland, die meinen, auf die Verletzung der italienischen Rechtsordnung käme es so sehr nicht an, aber wenn die deutsche Rechtsordnung verletzt wird, dann sei die Welt in Gefahr. Das ist eine moralisch unhaltbare Position. Uns muß die italienische Rechtsordnung, die Einhaltung moralischer und rechtlicher Prinzipien in Italien ganz genauso am Herzen liegen, wie wir wünschen, daß jedermann unsere eigene Rechtsordnung respektiert.

Das Deutschland-Bild, das sich in diesen Monaten in einigen ausländischen Kommentaren ergibt, gibt Anlaß, daß wir über uns selbst nachdenken. Ich will nicht darüber rechten, welchen Anteil daran der von Joachim Fest sicherlich nicht in opportunistischer Absicht gemachte Hitler-Film hat oder die vielerlei Veröffentlichungen in den Illustrierten, von Memoiren nationalsozialistischen Machthaber bis zu Reportagen über die Verbringung von Kappler, oder welche Rolle dabei die Rechtfertigungskampagnen zum Teil ekelhaft zynischer Art gegenüber den Verbrechen von terroristischen Mördern spielen. Obwohl wir keineswegs verhehlen, daß wir die wieder aufgelebten Befürchtungen – seien sie Ergebnis bewußter Verzerrung oder seien sie einfach vom Sinn für modisches Geschäft diktiert – zu den unbegründeten Ängsten rechnen, so dürfen wir nach meiner festen Überzeugung über solche Ängste nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir müssen uns unsere Sensibilität für die Gefühle anderer bewahren.