Von Kurt Sontheimer

Im Frühjahr des vergangenen Jahres erregte eine in München abgehaltene Tagung des Arbeitskreises „Wissenschaftsforschung in der Bundesrepublik“ einiges Aufsehen. Auf ihr wurde heftig gegen eine bestimmte Wissenschaftstheorie polemisiert, die in Theoriekreisen als Finalisierungsthese gehandelt wird, ohne daß die Vertreter dieser Auffassung, die im wesentlichen in dem von C. F. von Weizsäcker und J. Habermas geleiteten Starnberger Max-Planck-Institut beheimatet sind, Gelegenheit gehabt hätten, ihre eigene Theorie vorzutragen und sich zu den Angriffen zu äußern.

Der Arbeitskreis Wissenschaftsforschung vereinigt deutsche Philosophen und andere Theoretiker, die ihren geistigen Zusammenhalt allesamt durch ihre mehr oder weniger radikale Frontstellung gegen marxistische oder dem Marxismus nahestehende dialektische oder kritische Theorien finden. So gesehen war es nur natürlich, daß man unter sich bleiben wollte, weil die Erfahrung leider gezeigt hat, daß eine produktive Verständigung über so hohe theoretische Barrieren hinweg meist nicht zustande kommt. Nun liegen die damals gehaltenen Vorträge in revidierter Fassung vor. Für den Band zeichnen gleich vier Herausgeber verantwortlich, obwohl Willy Hochkeppel ihn noch redaktionell bearbeiten mußte:

Kurt Hübner, Nikolaus Lobkowicz, Hermann Lübbe, Gerard Radnitzky (Hrsg.): „Die politische Herausforderung der Wissenschaft. Gegen eine ideologisch verplante Forschung“; Hoffmann und Campe, Hamburg; 226 S., 24,– DM.

Das Buch enthält nach einem Vorwort von Lobkowicz, in dem die Veröffentlichung damit gerechtfertigt wird, daß es an der Zeit sei, gegen die starken Auswirkungen des Marxismus auf weite Bereiche der deutschen Wissenschaftstheorie und Wissenschaftspolitik entschiedener anzugehen, sechzehn nach sechs verschiedenen Themengruppen geordnete Beiträge.

Maßgeblich für den Gesamteindruck ist die klare Frontstellung sowohl gegen die Finalisierungsthese wie gegen den Marxismus und die Kritische Theorie überhaupt. Hübner wittert hinter der These die Absicht, „die Wissenschaften durchgängig politisch zu steuern“, was zu einer „unkontrollierten Diktatur“ führen müsse, Lobkowicz hat sich die Habermas-Formel von den „erkenntnisleitenden Interessen“ vorgenommen, die in einer „ebenso spekulativen wie einseitigen Metaphysik menschlicher Existenz“ wurzele, obwohl er ihren Urheber gegen den politischen Vorwurf, er sei ein „tendenziell linksradikaler Ideologe“ mit dem Argument in Schutz nimmt, daß er als Philosoph Format habe.

Hans Albert charakterisiert die von ihm angegriffene wissenschaftstheoretische Position polemisch als „neue deutsche Ideologie“ und warnt, wie auch andere Autoren, vor jedem Versuch, die Wissenschaft auf gesellschaftliche Bedürfnisse zu verpflichten. Ernst Topitsch setzt zu einer Kritik der Dialektik an und äußert auf Grund offenkundiger Aporien marxistischer Theorie die Vermutung, „daß es der marxistischen beziehungsweise neomarxistischen Linken von allem Anfang an nicht so sehr um die tatsächliche Verwirklichung der hehren Ideale der Menschheitsbeglückung und Menschheitsbefreiung gegangen ist, sondern um ganz andere Ziele“. Werner Becker schließlich ruft dazu auf, den Vertretern des Marxismus den „Anspruch auf Fortschrittlichkeit aus der Hand zu nehmen“; marxistisches Theorieverständnis sei in Wahrheit konservativ.