Von Heinz Schindler

Fast 6000 junge Leute aus der Bundesrepublik, so sieht es der Jahresplan vor, wird der Leninsche Komsomol, mit 36,5 Millionen Mitgliedern größter Jugendverband der Welt, 1977 über sein Reisebüro „Sputnik“ in der Sowjetunion betreuen. Die jungen Deutschen kommen mit fast allen renommierten deutschen Jugendorganisationen (Ausnahme: Junge Union) in die UdSSR. Kirchliche Kreise sind ebenso an Jugendbegegnungen „drüben“ interessiert wie sozialistische Verbände. Denn Kontakte mit Menschen stehen, von umfangreichen Besichtigungstouren in Moskau oder Leningrad einmal abgesehen, in allen Landesteilen der UdSSR im Vordergrund. So war die bayerische Evangelische Jugend in diesem Sommer schön zum vierten Male zu Gast beim Komsomol. 19 Studenten, Angestellte und Handwerker lebten 16 Tage lang unter jungen Sowjets etwas abseits ausgetretener Touristenpfade.

Die Begrüßung im internationalen Ferienzentrum „Sputnik“ von Gursuf auf der Krim, wo 500 Jugendliche von 18 bis 35 fahren Ferien machen, hat ihr eigenes Zeremoniell. Die Gruppe aus der Bundesrepublik stellte sich mit Texten und mit heißer Musik von zu Hause im Lagerrundfunkprogramm vor, das bis ins letzte Zimmer und an den Strand übertragen wird. Mit Hilfe des heimischen Dolmetschers wurde Kontakt- und Gesprächsbereitschaft signalisiert. Neugierde und Wissensdurst vereinen die jungen Sowjets, Polen, und nicht zuletzt die DDR-Gäste des Camps und die keineswegs kommunistisch eingestellten deutschen Jugendlichen immer wieder in zwanglosen Diskussionsgruppen. Tage- und nächtelang sitzen sie zusammen, reden über Zukunftserwartung, Wünsche, Glaube, Liebe, Beruf und Lebensgestaltung. Dolmetscher helfen dabei: Immer wieder gibt es rührende Versuche, sich in der Sprache der anderen verständlich zu machen.

„Ich verstehe gar nicht, warum Ihr in die Sowjetunion reist. Ihr habt doch ganz andere Möglichkeiten!“ staunt der zwanzigjährige Wolf gang aus Potsdam, als er die Gruppe in Gursuf traf. Sicher hätten alle für den gleichen Kostenaufwand (rund 1200 Mark) ein komfortableres Ziel im Süden erreichen können. Nach Osten flogen sie jedoch aus anderen Gründen. „Ich will aus eigener Anschauung hier Land und Leute kennenlernen“, erklärt Gerd (22) aus Helmbrechts. Für den Nürnberger Helmut (26) sind dazu die technischen und atmosphärischen Begegnungsmöglichkeiten in den Jugendzentren am Schwarzen Meer „einfach optimal“ „Weil man dort am ehesten Lebensgewohnheiten und Ansichten der Russen kennenlernen kann.“

Was sich in dem runden Dutzend internationaler Ferienzentren abspielt, die der Komsomol seit 1970 gerade für Besucher aus dem „kapitalistischen Ausland“ geöffnet hat, ist eine aufgewogene Mischung aus Programmangebot und Eigeninitiative der Besucher. Tabus werden nicht gepflegt. Für gutes Wetter und pünktliche Verpflegung (über die Qualität kann man freilich diskutieren) ist gesorgt. „Was Ihr weiter als Eurem Aufenthalt macht, ist Eure Sache!“ gibt die Leitung zu verstehen und legt täglich im internationalen Lagerrat ein Angebot von Exkursionen, Sportveranstaltungen, Kundgebungen, Filmvorführungen, Folkloreaufführungen, Feiern, Freundschaftstreffen, Tanzabenden oder musischen Wettbewerben fest. Zum Tagesausklang gibt es eine romantische Stunde im subtropischen Park. „Als vor Jahren die ersten westdeutschen Touristen ins Land kamen“, erinnert sich Dolmetscher Valodije (32), „wurde ich gleich gefragt, ob bei uns Küssen und Lieben erlaubt sei. Ich habe mich dann immer als Demonstrationsobjekt für das Gegenteil zur Verfügung gestellt.“ Er grinst dabei und drückt das dunkelhaarige Mädchen an seiner Seite fester an sich.

Internationale Jugendbegegnungen in der UdSSR werden meist aus einer Woche Zusammenleben in Ferienzentren und aus Aufenthalten in großen Städten kombiniert. Der Komsomol vermittelt in den Städten Ausflüge, ungewöhnliche Besichtigungen und interessante Partner, in Hochschulen und Betrieben beispielsweise oder in Einrichtungen der Jugendarbeit. So konnten die Mitglieder einer evangelischen Jugendgruppe kürzlich eine Studentenbrigade der internationalen Lumumba-Universität in Moskau nach deren Erfahrungen bei internationaler Zusammenarbeit befragen und später auf einer Bohrinsel mitten im Kaspischen Meer mit Arbeitern der Serebrowsky-Petrolwerke über Energiepolitik reden und dabei sogar ungestört photographieren.

Die Zusammenkünfte an Universitäten, in Betrieben oder Jugendzentren verlaufen zunächst nach einem Schema, das Herzlichkeit keineswegs ausschließt: Begrüßen und Vorstellen, Statements der Offiziellen, Souveniraustausch, Gespräche im Plenum oder in kleinen Gruppen. Wenn man Glück hat, läßt sich ein gemeinsames Thema vorher aushandeln, Politisches auf die individuelle Ebene herunterziehen und das Programm durch Quiz, gemeinsame Lieder oder Tanzspiele auflockern. In jedem Falle vermitteln die Treffen die zwar simple aber oft ignorierte Erkenntnis: Andere denken anders. Selbst dann, wenn, wie in diesem Sommer, die Konfrontation über Menschenrechte, Arbeitslosigkeit, Religionsfreiheit, Dissidenten und Militarismus, also über Schwachstellen beider Gesellschaftsordnungen, ausblieb. Auch Bekenntnisse zum Marxismus-Leninismus werden den Gästen nicht, abverlangt. Alle sind lieb zueinander, geben auf jede Frage ehrliche Antworten und bohren später in kleinerem, informellem Kreis tiefer. Dabei Werden auf beiden Seiten Klischees korrigiert.