Von Günter Wallraff

Ich fange an, mir selber fremd zu werden. Ich bin nun bald vier Monate bei BILD, und die mitgebrachten Bücher liegen immer noch unausgepackt im Koffer.

Ich ertappe mich dabei, daß ich nicht mehr in der Lage bin, Freunden ernsthaft zuzuhören. Steckt ja doch keine Geschichte drin. Alles wird unmittelbar sortiert nach dem Gesichtspunkt der Verwendbarkeit. Für BILD. Nach einem Monat in dieser Stadt wurde mir bewußt, daß ich Hannover doch recht gut kenne, weil ich schon öfter, auch mal eine Woche, hier war. Aber nun ist es eine andere, fremde Stadt aus einem ganz anderen Blickwinkel. Die Altstadt, in der ich noch vor einem Jahr eine Straßenlesung gemacht hatte, hat ihr Anheimelndes verloren. Ich erinnere mich überhaupt erst wieder daran, als mich ein hannoverscher Freund darauf aufmerksam macht. Es ist jetzt eine neue Stadt; eine Retortenstadt.

Wenn ich vom Redaktionsleiter rausgeschickt werde, vor Ort, um Geschichten „aufzureißen“, begegne ich Menschen wie Ausbeutungsobjekten. Lasse sie nicht ausreden, wenn sie von ihren Nöten und Problemen erzählen. Keine Zeit.

Alles in meiner Umwelt wird auf unmittelbare Ausschlachtung für BILD selektiert. Alle ein bis zwei Stunden ein telephonischer Rechenschaftsbericht an Schwindmann. Ich höre mich, reden wie einen routinierten, ausgefuchsten BILD-Schreiber. „Keine Angst, uns können Sie sich unbesorgt anvertrauen. Wir machen das schon.“

Als meine Vermieterin, eine Assistentin’ der Universität, ihr Kind zu Haus erwartet und gegen morgen die Geburt überraschend einsetzt, die Hebamme zu spät kommt und ich bereits den Notarzt bestellt habe, reagiere ich wie der typische BILD-Reporter.