Zu Unrecht vergessen: ein revolutionärer deutscher SchriftstellerOttwalt - eine KarriereSeite 2/4

Alle im Verlag europäische Ideen, Berlin 1977

In Lexika nämlich sucht man seinen Namen vergebens – oder wird irregeführt. Das „Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller“ (Leipzig, 1974) gibt kein Todesdatum und einen Sterbeort mit Fragezeichen an. Und das hat seinen Grund: Ernst Ottwalt ist in Stalins Lagern ermordet worden.

Der 1901 in Pommern geborene Ernst Gottwalt Nicolas, der sein Schriftstellerpseudonym erst später annahm, begann 18jährig seine „Karriere“ als Spitzel reaktionärer Militärbünde. „Mit Leib und Seele“ behorchte er für viel Geld gewerkschaftliche Verbände, die KPD, USPD und SPD. Es war die Zeit der „Jungdo“, „Bund Wiking“, „Blücherbund“, „Deutscher Reichskriegsbund Kyffhäuser“ oder „Organisation Escherich paramilitärischer Ultras, auf deren Konto zahllose der politischen Morde in der Weimarer Republik gingen – von Luxemburg bis Rathenau; im ganzen waren es 62.

Ottwalts erster Roman „Ruhe und Ordnung – aus dem Leben der national gesinnten Jugend“ ist nicht nur „Protokoll eigener Erlebnisse“, sondern„ ein von Kurt Tucholsky emphatisch gelobter, sensationeller Enthüllungsbericht. Mit ihm hat Ottwalt die Fronten gewechselt. Er tritt der KPD bei, wird Mitglied des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ und publiziert in dessen Zeitschrift „Linkskurve“. In ihr entzündet sich die Kontroverse zwischen ihm und Georg Lukács, der den zweiten Roman „Denn sie wissen, was sie tun“ 1932 in seinem berühmten Essay „Reportage oder, Gestaltung“ als unkünstlerisch verurteilt. In der Tat ist dieser „Justizroman“ über das Schicksal eines ehemaligen aktiven Offiziers, der Richter wird und sich „gegen die bürgerliche Klassenjustiz“ wendet, unbeträchtlicher als Lukács’ Versuch, aus diesem Anlaß eine zentrale Kategorie seines ästhetischen Konzepts zu entwickeln; seine Polemik gegen „Reportage“ ist gleichsam dieselbe wie die gegen die „Montagen“ von John Heartfield, Piscator, Döblin oder John Dos Passos.

Ottwalt gelangte in den Kreis um Brecht, wurde Mitautor des „Kuhle Wampe“-Films (in dem er in einer Nebenrolle als Staatsanwalt auch mitspielte und an dem er nach verschiedenen Zeugenaussagen wesentlicheren Anteil hatte als Brecht) und emigrierte 1933 über Dänemark in die Sowjetunion. Dort wurde er Mitarbeiter an der von Johannes R. Becher herausgegebenen Exilzeitschrift „Internationale Literatur“ und Redakteur der Vegaar-Bibliothek, die alle vierzehn Tage einen Band antifaschistischer Literatur herausbrachte. Band 1, 1936, bringt Anna Seghers’ Erzählung „Der letzte Weg des Koloman Wallisch“, herausgegeben von Ottwalt; Band 2 ist seine eigene Novelle „Die letzten Dinge“.

Im selben Jahr, auf dem Höhepunkt der Stalinschen Prozesse, wird er mit seiner Frau verhaftet. Neun Monate später, auf dem Transport nach Stalingrad, sahen und sprachen sich die Eheleute das letzte Mal: „Bist du gesund?“, fragt er leise. „Ja“, läge ich, „ganz gesund! und du?“ „Ich auch“, lächelt er, aber die tiefen Schatten unter seinen Augen sagen das Gegenteil. „Wie war die Untersuchung?“ „Punkt sechs, zehn und elf“, flüstere ich bedrückt. „Scher dich nicht darum, das ist ja alles Theater“, lacht er. „Sie verhaften Deutsche, aber zum Verhör haben sie mich nur ein einziges Mal geholt und nicht einmal Protokoll geführt.“

Da der nette Herr Ribbentrop nicht nur ein Hakenkreuzfahnen-Meer, das Abspielen des Horst-Wessel-Lieds in Moskau und seinen Pakt mit Stalin zuwege gebracht hatte, sondern auch ein Auslieferungsabkommen, konnte die Kommunistin Waltraud Nicolas, Ottwalts Frau, von den Nazis aus den Klauen der Sowjets befreit werden. Auch das ist Geschichte ...

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