Von Eckart Kleßmann

Arm, vereinsamt und vergessen starb am 25. Juni 1853 als „Unheilbare erster Klasse“ in einem Zürcher Spital eine Frau, deren 92 Jahre währendes Leben zu den wunderbarsten Schicksalen eines Menschendaseins gerechnet werden darf. Die Rede ist von

„Frau Oberst Engel. Von Cairo bis Neuyork, von Elba bis Waterloo. Memoiren einer Amazone aus Napoleonischer Zeit“; Artemis Verlag, Zürich 1977; 292 S., 26,50 DM.

Die 1761 in Zürich geborene Regula Egli, verheiratete Engel, hat im Alter von 60 Jahren ihre Memoiren geschrieben, denn sie brauchte Geld. Zwar schuldete ihr der französische Staat 136 000 Francs (nach heutiger Kaufkraft gut eine halbe Million Mark), zudem eine Witwenpension, aber Regula Engel hat dieses Geld nie bekommen. Für uns erweist sich dieses Unrecht als Glücksfall, denn sonst hätte sie ihre Erinnerungen schwerlich zu Papier gebracht, und wir wären um die Beschreibung eines wahrlich abenteuerlichen Lebens ärmer.

Die Epoche Napoleons hat wie keine andere eine ungeheure Memoirenflut initiiert. Vom einfachen Soldaten bis zum Marschall von Frankreich haben die Überlebenden aus zwei Jahrzehnten Krieg quer durch ganz Europa eine ganze Bibliothek zusammengeschrieben. Die Memoiren der Regula Engel behaupten unter den ungewöhnlichen vielleicht einen außergewöhnlichen Platz.

Sie kam 1761 als Tochter eines Schweizer Soldaten – zeitweise in preußischen Diensten – in Zürich zur Welt und heiratete 1778 einen in französischem Sold stehenden Landsmann, Florian Engel, stationiert in Straßburg. Von nun an gehörte ihr Leben dem Militär. Sie machte an der Seite ihres Mannes den Feldzug der französischen Revolutionsarmee in Holland mit und gehörte 1798 zum Expeditionskorps Napoleon Bonapartes, das Ägypten eroberte. Der junge korsische General, damals schon das Staunen der Welt, wurde von dieser Expedition an nicht nur ihr Abgott, sondern auch Pate ihrer in Kairo geborenen Zwillinge, denen er selber, in Ermangelung eines Priesters, die Nottaufe gab.

Regula Engel hat fast alle napoleonischen Feldzüge mitgemacht: 1805 gegen Österreich, wo sie in der Schlacht von Austerlitz selber mitkämpfte: „An diesem Tage spielte ich nun wieder eine Rolle, die mir nicht aufgetragen war, mir aber durch einen artigen Säbelhieb über den Kopf bezahlt wurde, den ich zwar selbst kurirte, der aber jetzt noch fühlbar ist und mir zum bleibenden Denkmal der Schlacht bei Austerlitz dient.“