Von Natias Neutert

Wenn künstlerisches Gestalten, wie Hugo Ball noch mutmaßte, einem Beschwörungsprozeß und in seiner Wirkung der Zauberei gleicht, dann ähnelt der Zeitgenosse Calvino jenem seltenen Typ von Varieté-Zauberer, der – das Magische entmystifizierend! – uns nur täuscht, um uns auf amüsante und lehrreiche Weise eine Enttäuschung zu bereiten. Je freimütiger er dabei auf das Arsenal seiner heimlichen Handgriffe verweist, auf all die Volten und Finten, auf „doppelte Böden“, desto verblüffender die Wirkung seiner gelungenen Kunststücke, der raffinierte Knalleffekt.

„Es gibt keine Sprache ohne Täuschung“, warnt Italo Calvino die Leser seines neuesten Buches listig, in dem er das „wahre Wesen der Stadt“ zu erforschen versucht –

Italo Calvino: „Die unsichtbaren Städte“, aus dem Italienischen von Heinz Riedt; Hanser Verlag, München, 1977; 220 S., 16,80 DM.

Nach diesem Wink sollte niemand darauf beharren, daß die zwei Figuren des Buches, Marco Polo und Kublai Khan, sozusagen ihre historiographischen Personalausweise zücken müssen, um sich als „echt“ auszuweisen. Sie sind Spitznamen, nichts weiter: für den Autor, für den Leser. Niemand braucht sich die Mühe zu machen, die Städte, die allesamt Frauennamen tragen, Fedora, Zoe, Ipazia, Armilla, Sofronia, auf irgendeiner Weltkarte auszumachen. Vergeblich. Es sei denn, man verfügte über einen Spezialatlas, wie ihn Kublai Khan besitzt: „Der Atlas zeigt auch Städte, von denen weder Marco noch die Geographen wissen, ob und wie es sie gibt, die aber unter den Formen möglicher Städte nicht fehlen durften ...“

Calvino hat dieses Gleichnis von der Geschichte der Stadt, dieses zwischen Prosagedicht und lyrischer Legende changierende Sprachgebilde, in neun Kapitel gegliedert. Im ersten und im letzten beschreibt er je zehn Städte, in den andern jeweils fünf. Durch Verknüpfung und Vervielfachung aller auftauchenden Einzelaspekte („Die Städte und die Erinnerung“, „Die Städte und der Wunsch“, „Die Städte und die Zeichen“), die durch alle Kapitel hindurch variiert werden, um jedesmal, bevor ein neues beginnt, auch einen neuen, noch nicht beschriebenen Aspekt hervorzubringen (wie „Die subtilen Städte“, „Die Städte und der Austausch“, „Die Städte und die Augen“, „Die Städte und die Namen“, „Die Städte und die Toten“, „Die Städte und der Himmel“, „Die andauernden Städte“ und „Die verborgenen Städte“), entfaltet sich vorm „geistigen Auge“ das Panorama von insgesamt fünfundfünfzig Städtebildern. Das ist kein Baedeker-Blick, der hier auf die „denkwürdigen Schönheiten“ der Stadt fällt, das bloß registrierende Hinsehen, das erfolglos an der Haut der Dinge haften bleibt. Hier berücksichtigt einer das pfiffige Wahrnehmungspostulat von Hermann Peter Piwitt: „Wir müssen uns mit Indianeraugen umsehen, um zu erkennen, was ist.“ Schon in einer älteren Erzählung nimmt Italo Calvino Indianerblick wahr: „... innerhalb dieser vertikalen, zusammengepreßten Stadt, wo jedes Vakuum die Tendenz hat, sich zu füllen, und jeder Zementblock bestrebt ist, sich mit andern Zementblöcken zu vereinigen, tut sich eine Art Antistadt auf...“(„Marcovaldo oder: Abenteuer eines einfachen Mannes in der Stadt“, 1963).

In den „Unsichtbaren Städten“ werden räumliche und zeitliche Beziehungsgeflechte sinnvoll aufeinander bezogen und bestimmen die Erzählweise strukturell: „... die Bodenhöhe einer Straßenlaterne und die baumelnden Füße eines erhängten Usurpators.“Jede einzelne Stadt, die Calvinos fiktiver Marco Polo im uferlosen Dialog mit Kublai Khan erzählend entwirft, erfindet, macht eine besondere gesellschaftliche Situation sinnlich erlebbar; zum Beispiel das längst nicht mehr notwendige, skandalöse Mißverhältnis zwischen Arbeitszeit und freier Zeit. Ein Verhältnis, das Calvino einfach dialektisch umkehrt: „Die Stadt Sofronia ist aus zwei halben Städten zusammengesetzt. In der einen befinden sich die große Achterbahn mit den Steilkuppen, das fliegende Karussell, das Riesenrad, die Todesbahn mit den Motorradfahrern kopfüber, die Zirkuskuppel mit den Trapezgehängen in der Mitte. Die andere halbe Stadt ist aus Stein und Marmor und Zement, mit der Bank, den Werkhallen, den großen Häusern, dem Schlachthof, der Schule und allem übrigen. Die eine der halben Städte steht fest, die andere ist provisorisch, und wenn ihr Aufenthalt vorüber ist, nagelt man sie ab, montiert sie ab und schafft sie fort... So kommt jedes Jahr der Tag, da Hilfsarbeiter die Marmorverkleidungen abnehmen, die Steinmauern, die Zementpfeiler umlegen, das Ministerium, das Denkmal, die Docks, die Ölraffinerie, das Krankenhaus abmontieren und auf Tieflader verfrachten, um damit auf dem jährlichen Weg von Ort zu Ort zu ziehen.“

Derlei Umkehrverfahren sind für Calvino kein unverbindliches Gespiele. Seine Dichtung basiert auf einem Erkenntnisinteresse, das Neuartiges, Unbekanntes für genauso massiv „real“ hält wie das bereits Gesicherte, Erforschte, so genannt „Realistische“. Was Calvinos klare, kühne Phantasiebilder vor uns auftürmen, ist eine Geschichte der Stadt als Ort menschlichen und unmenschlichen Handelns, die Verdichtung aller „möglichen Städte“, der verwunschenen, verfluchten und wünschbaren zum Gleichnis von der Unteilbarkeit menschlicher Existenz. Italo Calvino, der immer Erzähler war, nie eine Zeile Lyrik schrieb, hat mit den „Unsichtbaren Städten“ eins der schönsten, zugleich phantasievollen und präzisen Poeme verfaßt, die ich kenne.