Ein Gespräch mit dem sowjetischen Geiger, der seine Regierung um einen zweijährigen Urlaub bat

Von Felix Schmidt

Herr Kremer, warum haben Sie die sowjetische Regierung um zwei Jahre West-Urlaub gebeten?

Kremer Weil ich neue künstlerische Erfahrungen sammeln will und weil ich mehr als bisher meine künstlerische Laufbahn selbst bestimmen will. Ich suche nicht einen leichteren künstlerischen Weg, ich will mir nicht das Leben erleichtern, ich suche neue Aufgaben, ich will mich mit dem Erfolg, den ich bisher hatte, nicht zufrieden geben. Denn Erfolg ist kein Maßstab für ein Künstlerleben.

Welche konkreten Aufgaben sehen Sie? Kremer: Ich möchte mit bedeutenden Orchestern und Dirigenten arbeiten, eine Reihe von Schallplattenaufnahmen machen und die Neue Musik studieren.

Hat man den Sowjetbürger Kremer an der Verwirklichung seiner Pläne bisher gehindert?

Kremer: Es gab Schwierigkeiten– Schwierigkeiten, wie sie übrigens die meisten jungen Künstler der Sowjetunion zu überwinden haben. Nach all den harten Jahren des Studiums, nach all den anstrengenden Jahren in der Klasse David Oistrachs am Moskauer Konservatorium, nach all den vielen Wettbewerben, die ich mitgemacht habe, glaube ich, ein Recht auf eine große, ungestörte Konzerttätigkeit zu haben. Es ist ja keine Kleinigkeit, den berühmten Tschaikowsky-Wettbewerb zu gewinnen, und ich habe ihn 1970 gewonnen, und es waren damals wirklich ganz tolle Geiger versammelt, mit denen ich konkurrieren mußte. Aber auch nach dem Tschaikowskij-Wettbewerb bekam ich nicht die Konzerte, die ich eigentlich als Tschaikowskij-Preisträger hätte bekommen sollen. Anfragen waren genügend da, auch aus dem Ausland, aber unsere staatliche Konzertagentur, die Gos-Konzert, war sehr zurückhaltend.

Das heißt, man ließ Sie nicht ins Ausland. Sie fühlten sich in Ihrer Bewegungsfreiheit, in dem Drang, nun eine große Karriere zu beginnen, beengt.

Kremer: Ich könnte beinahe ja sagen. Aber das Wort Karriere gefällt mir nicht.

Frau Furzewa half

Gut, sagen wir, Sie wollten Ihren „künstlerischen Radius“ erweitern.

Kremer: „Künstlerischer Radius“ ist der richtige Ausdruck. Das klingt seltsam, denn die Sowjetunion ist ja so groß, daß man dort auch ein ganzes Leben lang reisen könnte. Seit ich den Tschaikowskij-Wettbewerb gewonnen habe, war ich in 160 Städten, zum Teil auch in kleinen Städten, sogar in Dörfern. Es war sehr lehrreich und sehr anstrengend, sich neben den anerkannten Künstlern der Sowjetunion zu behaupten.

Von wann an haben Sie sich bemüht, zu Konzerten in das westliche Ausland zu kommen?

Kremer: Meine erste Begegnung mit dem westlichen Ausland war 1967, als ich in Brüssel den Königin-Elisabeth-Preis gewann. Danach bekam ich eine Reihe von Einladungen in den Westen, auch nach Amerika, sie sind aber nie akzeptiert worden.

Von wem nicht akzeptiert worden?

Kremer: Von der staatlichen Konzertagentur. 1970 durfte ich dann ganz überraschend zum Debüt mit den Wiener Sinfonikern nach Wien. Ich spielte drei Abende hintereinander im Musikvereinssaal. Aber das war alles mit großen Schwierigkeiten verbunden. Frau Furzewa, die damals Kulturministerin war, hat sich persönlich eingesetzt, auch Oistrach hat geholfen. Ganz erschöpft von allen Schwierigkeiten kam ich dann in Wien an.

Aber zumindest in den letzten beiden Jahren könnten Sie mehrmals in den Westen reisen.

Kremer: Natürlich hat sich die Situation in den Jahren nach 1970 geändert, aber sehr langsam und mit Hilfe bestimmter Personen, die sich für mein Schicksal eingesetzt haben. Ich bekam die Möglichkeit, nach Ungarn zu reisen, nach Polen, nach Jugoslawien. Ich hatte da nicht so sehr viele Konzerte, aber der Horizont hat sich erweitert. Zur Zeit bin ich aus der Sicht meines Landes sehr viel im Ausland. Also ich gehöre zu den bevorzugten Künstlern, die man ins Ausland schickt. Dennoch bin ich nicht Herr meiner Termine, dennoch habe, ich nicht so viel Freiheit, die Tourneen auszusuchen, die mich besonders interessieren. Und so wie mir geht es auch den anderen. Auch Musiker wie Emil Gilels oder Svjatoslow Richter haben da ihre Schwierigkeiten. Um ganz konkret zu sein: mir wurde beispielsweise nicht gestattet, im Sommer 1977 mit Leonard Bernstein zu spielen, als er in Europa war. Mir wurde nicht gestattet, Aufnahmen bei der Deutschen Grammophon oder mit der amerikanischen Firma Columbia zu machen. Ich wollte im vergangenen Sommer in Wien einen Kurs leiten, auch das wurde mir verwehrt. Das hat mich natürlich beunruhigt. Aber dies allein hätte noch nicht ausgereicht, meineRegierung zu bitten, mich zwei Jahre im Westen niederlassen zu dürfen.

Da gibt es vielleicht noch einen anderen Grund. Sie haben sich kompromißlos für zeitgenössische sowjetische Komponisten wie Schnittke oder Denisow eingesetzt. Das hat Ihnen den Ruf eines „musikalischen Dissidenten“ eingetragen. Hat das eine Rolle gespielt bei Ihrem Gesuch?

Kremer: Ja, ich setze mich für zeitgenössische Musik ein. Es muß nicht unbedingt Schnittke und Denisow sein. Es war in letzter Zeit öfter Schnittke, es waren aber auch andere, hier im Westen noch unbekannte Komponisten. Ich fördere, wo ich kann, Konzerte mit zeitgenössischer Musik, ob das nun elektronische Musik ist oder Beatmusik. Das interessiert mich alles brennend, weil es zur Entwicklung der Musik von heute gehört. Aber ich glaube, mit der zeitgenössischen Musik gibt es überall Schwierigkeiten. Auch Konzertveranstalter im Westen weisen Werke der Neuen Musik ab. Und die Schallplatten-Manager tun es auch.

Da ist doch ein Unterschied. Westliche Konzert-Manager und auch Schallplatten-Firmen verschmähen Neue Musik, weil sie kommerziell nicht verwertbar ist. Aber in der Sowjetunion paßt diese Richtung nicht in die staatliche Kunstideologie.

Kremer: Ich will bei der Musik bleibet. Ich kann Ihnen versichern, daß das sowjetische Publikum in sehr vielen Städten ein enormes Interesse an zeitgenössischer Musik hat.

Gibt es in der Sowjetunion verbotene Musik, so wie es ja auch verbotene Malerei gibt?

Kremer: Wahrscheinlich zur Enttäuschung vieler Dissidenten muß ich sagen, verboten ist nichts. Verboten ist keine Musik, verboten ist kein Komponist, verboten ist wahrscheinlich auch keine Malerei. Es gibt stark bevorzugte Hauptrichtungen. Aber wenn man Hauptrichtungen bevorzugt, so heißt das nicht, daß die anderen Richtungen verboten sind. Aber es gibt in der Sowjetunion eine Menge Leute, Konzertinitiatoren, Veranstalter von Ausstellungen, die, um jede Reibung zu vermeiden, jeder Schwierigkeit aus dem Weg zu gehen, eine Art Selbstzensur eingeführt haben. Sie denken, dies und jenes könnte dem Staat nicht gefallen, also lassen wir es. Für den Künstler ist das natürlich auch ein Verbot.

Wie hat nun die Kultur-Bürokratie Ihres Landes auf Ihren Antrag reagiert. Während Ihrer Tournee, die Sie jetzt beendet haben, war ein Abgesandter des Kulturministeriums bei Ihnen. Was hat er Ihnen gesagt?

Kremer: Ja, ich habe in Wien einen Vertreter des Moskauer Kulturministeriums getroffen, der mir mitgeteilt hat, daß man mein Gesuch sehr ernst nehme und daß positiv entschieden wird. Damit alles geregelt werden kann, soll ich nach Moskau kommen, um dort mit dem Kulturminister über die Details meines Aufenthaltes im Ausland zu sprechen.

Und das tun Sie? Kremer: Ja, ich fliege jetzt nach Moskau, in der Hoffnung, daß dieses Gespräch sehr bald stattfindet und daß eine positive Lösung gefunden wird.

Wann, glauben Sie, sind Sie wieder zurück? Kremer: Ich kann keinen Termin nennen, ich kann nur hoffen, daß ich gleich nach diesem Gespräch ausreisen kann, weil ich ja verschiedene Verpflichtungen im Ausland habe.

Halten Sie es auch für möglich, daß man Sie zurückhält?

Kremer: Das wäre eine große Enttäuschung für mich. Aber ich halte es für möglich, daß ich in den nächsten zwei Jahren auch in der Sowjetunion Konzerte geben muß, es kann auch passieren, daß man mich dazu verpflichtet. Ich finde, daß das nicht das Schlimmste wäre, weil ich zu verschiedenen Lösungen bereit bin. Nur, man sollte das dann öffentlich zugeben.

Herr Kremer, Ihre Mutter stammt aus Karlsruhe, Ihr Vater ist Balten-Deutscher, Ihr Großvater, der Geiger Karl Brückner, ist schwedischer Jude.

Kremer: ...ja, ich habe internationale Wurzeln, aber in Lettland, also in der Sowjetunion, bin ich zu einem Menschen geworden, zu einem Künstler. Ich bin in Riga geboren und habe zur Sowjetunion eine sehr persönliche Beziehung. Ich habe kein russisches Blut in mir, aber ich bin ein Bürger der UdSSR, weil ich einen Paß der UdSSR habe, und diesen Paß will ich behalten.

Wo werden Sie sich niederlassen, wenn Ihre“ Bitte um West-Urlaub erfüllt wird?

Kremer Mit Sicherheit in Hotels. In Deutschland?

Kremer: Das kann ich noch nicht beantworten, weil ich noch keine bestimmten Pläne habe.

Freunde gewinnen

Auch der Cellist Rostropowitsch hat ursprünglich ein Visum für zwei Jahre beantragt und wollte dann in die Sowjetunion zurückkehren. Jetzt ist er schon über drei Jahre da.

Kremer: Ich möchte mit Rostropowitsch möglichst wenig verglichen werden. Ich bewundere ihn, er ist ein wundervoller Mensch und ein großer Künstler. Aber wir sind ganz verschiedene Persönlichkeiten. Seine Schwierigkeiten sind nicht die meinen.

Sind Sie Kommunist? Kremer: Nein, ich bin nicht Mitglied der kommunistischen Partei, ich war aber im kommunistischen Jugendverband. Ich bin so sehr mit Musik beschäftigt, daß da kein Platz mehr für etwas anderes bleibt.

Gibt es in Ihrem Leben außer der Musik wirklich nichts anderes, das von Relevanz ist?

Kremer: Doch, menschliche Beziehungen, Freunde zu haben, neue Freunde zu gewinnen.

Welche Beziehung haben Sie zu den übrigen Künsten?

Kremer: Wann und wo immer ich kann, gehe ich in Ausstellungen, ins Kino, schaue mir Fernsehen an. Ich bin ein Mann, der sich ständig informieren will. Leider habe ich auf meinen Reisen bisher dafür immer nur stundenweise Zeit gehabt. Aber das wird sich jetzt hoffentlich ändern.

Welche Musiker haben auf Sie den größten Einfluß gehabt?

Kremer: Bestimmt Oistrach, dann Yehudi Menuhin, aber es ist schwer, Namen zu nennen. Ich muß zugeben, daß von den künstlerischen Begegnungen der letzten Zeit mich besonders Arturo Benedetti Michelangeli und Fischer-Dieskau beeindruckt haben.

Belastet es Sie, daß ein anderer Künstler, den Sie schätzen, Karajan, Sie als den besten Geiger, den wir haben, bezeichnet?

Kremer: Ich bin Karajan sehr dankbar, daß er so viel Zutrauen zu mir hat. Aber natürlich ist es eine Belastung, fast jeden Abend diesem Ruf gerecht werden zu müssen. Doch man sollte Karajans Satz nicht überschätzen.

Es heißt, russische Künstler verkümmern, wenn sie fern der Heimat leben müssen. Befürchten Sie nicht auch eine ähnliche Entwicklung, wenn Sie nun ausreisen dürfen und vielleicht sogar länger als zwei Jahre bleiben werden oder müssen?

Kremer: Verkümmern kann man nicht nur außerhalb seiner Heimat, sondern auch in der Heimat. Die Nostalgie, das Heimweh, gehört in der Tat zum russischen Charakter, zur russischen Sensibilität. Und es gibt auch genügend Beispiele von russischen Künstlern, die sich außerhalb ihres Landes nicht zurechtfinden, vor allem Schriftsteller. Aber warum soll ich mir denn jetzt gleich die schwierigsten Seiten dieses Aufenthaltes vorstellen. Ich will ja mein Land nicht für immer verlassen. Ich will doch nur den Normalzustand eines internationalen Künstlers herbeiführen, sich frei bewegen und frei entscheiden zu können.

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Anfang Januar erkundigte sich Felix Schmidt telephoniseh bei Gidon Kremer in Moskau danach, ob das Gespräch im Ministerium schon stattgefunden habe.

Kremer: Wir hatten eine ernste Unterhaltung, und ich bin danach guten Mutes.

Das heißt, es finden noch weitere Gespräche statt.

Kremer: Ja. Aber ich glaube sagen zu können, daß sich meine Konzerttätigkeit im Westen erweitern wird.

Können Sie schon sagen, ob man Ihnen den zweijährigen Aufenthalt im Westen auch wirklich genehmigen wird?

Kremer: Wir sind von einer Begrenzung abgekommen,man will mir einfach mehr Freizügig-

keit bei der Gestaltung meiner Termine im Westen geben. Darauf läuft es hinaus.

Also ein Kompromiß?

Kremer: Ich will mich ja nicht von der UdSSR absetzen. Ich spiele auch in der nächsten Zeit in meinem Lande.