Hochseefischerei Reise ohne Wiederkehr?
Die deutsche Fangflotte sucht vor Argentinien neue Beschäftigung / Von Heinz Blüthmann
Anfang Oktober war es soweit. Im letzten Fischereiparadies der Welt wurde zum erstenmal scharf geschossen. Die roten Schwarzfischer, je zwei russische und bulgarische Fangschiffe, die hundert Meilen vor der Küste Patagoniens dem begehrten Seehecht nachstellten, gaben erst auf, als der argentinische Zerstörer Piedra Buena" ernst machte. Ergebnis: Die bulgarische „Ofelia" erhielt einen Granatentreffer unter der Wasserlinie, und auf dem Schwestersehiff „Aurelia" fiel die Antriebsmaschine aus. Ein Bulgare kam ums Leben. Drei Mann der Zerstörerbesatzung ertranken, als ihr Boot beim Entern kenterte.
Die vier gekaperten Ostblockschiffe erlitten dasselbe Schicksal wie zwei Wochen zuvor fünf andere sowjetische Fischdampfer, die ebenfalls — allerdings ohne Schießerei — von der argentinischen Kriegsmarine in der von Buenos Aires seit acht Jahren beanspruchten 200 Meilen Zone überrascht und aufgebracht wurden: Zur Beschlagnahme ihrer Fänge mußten sie argentinische Häfen anlaufen. Die neun Kapitäne erhielten außerdem saftige Geldstrafen aufgebrummt. Die Militärjunta in Buenos Aires ist da nicht kleinlich und läßt sich „die Verletzung der argen, tinischen Souveränität" mit bis zu 100 000 Dollar pro Schiff bezahlen.
Was die Ostblock Kapitäne zu ihren riskanten Fischzügen im Südatlantik verlockte, haben auch die deutschen Hochseefischer schon längst als lohnendes Ziel ausgemacht: das PatagonienSchelf zwischen der Mündung des Rio de la Plata und Feuerland im äußersten Süden des Kontinents. Das Gebiet r fast doppelt so groß wie die Nordsee — gilt als eines der fischreichsten Gewässer der Welt und als einziges, dessen Reichtum nodi fast ungetastet, ist. In diesem Jahr soll das anders werden. Und die Deutschen — so scheints — werden die ersten sein, die in diesem Paradies — mit Einverständnis der Argentinier — ihre Netze auswerfen.
Zwar hatten bei der ersten argentinischen Ausschreibung von Fangkonzessionen im vergangenen Jahr neben den Deutschen auch die Japaner — im Wettbewerb mit einem Dutzend Staaten aus Ost und West — die Nase vorn. Doch danach „haben die zu viele Forderungen gestellt", weiß Marx Henning Rehder, Chef der Unilever Tochter „Nordsee" in Bremerhaven und damit Herr über die größte deutsche Hochsee Fangflotte, zu berichten. Nippons Fischer, die jährlich zehn Millionen Tonnen aus den Meeren hieven — die Deutschen schaffen nicht, einmal fünf Prozent davon — sind daher schon halb wieder aus dem Rennen.
Daß die Deutschen ihre Konkurrenten ausstachen, „ist ein großer Erfolg der deutschen Regierung", lobte Karl Heinz Feilhauer vom Verband der Deutschen Hochseefischer. Seine Dankbarkeit hat handfeste Gründe: Bonn spendierte nämlich der Militärregierung unter General Jörge Videla einen zinsgünstigen Kredit über dreißig Millionen Mark, der für ein Fischerei Forschungsschiff gedacht ist. Da es auf einer hiesigen Werft gebaut werden soll, schlug die Bundesregierung zwei Fliegen mit einer Klappe: Das Darlehen schafft Beschäftigung für die Auftragsnot leidende Schiffbauindustrie und verhalf den vier großen Fischfang Reedern zu den begehrten Konzessionen.
Mit von der Partie in Patagonien sind außer der „Nordsee" die zu Oetker gehörende Hanseatische Hochseefischerei, die „Nordstern" des Bremer Kaffeerösters Jacobs und die Hamburger Pickenpack Gruppe. Sie betreiben zusammen 39 Frischfisch Trawler, deren Einsatzmöglichkeiten von der Basis Bremerhaven etwa bis Grönland reichen; und 27 Fabrikschiffe für den Einsatz auch in entlegenen Gewässern. An Bord dieser , sogenannten Froster wird der Fang sofort verarbeitet und tiefgefroren, mit einer Ladekapizität bis zu 1100 Kubikmetern Fisch und noch einmal halbsoviel Fischmehl.
Alles in allem zogen die 66 Schiffe der bundesdeutschen Hochseeflotte im vergangenen Jahr 300000 Tonnen aus dem Meer; die Kutterfischerei schaffte noch einmal 130 000 Tomen. Ein reichliches Viertel des deutschen Bedarfs ron jährlich 600 000 Tonnen mußte deshalb importiert werden. Im neuen Jahr aber wird die Fischindustrie vermutlich schon wesentlich mehr aus dem Ausland kaufen müssen. Denn die Kapitäne der heimischen Trawler und Fros:erschiffe wissen nicht mehr, wohin sie fahren sollen. Feilhauer: „Wir stehen vor einer völlig ungewissen Lage "
- Datum 13.01.1978 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13.1.1978 Nr. 03
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