Kunstreiter und Salonlöwen

von Günter Metken

Das Pariser Goethe-Institut hat diesen Winter (bis zum 31. Januar) eine besondere Attraktion zu bieten: gut hundert Zirkusplakate aus der Lithographischen Anstalt Adolph Friedländer in Hamburg. Günter Böhmer, Sammler und Spezialist für Populärgraphik, hat sie kürzlich von einem ehemaligen Zirkus-Quartiermacher in Holland erwerben können, insgesamt 280 Stück. Sie gehören nun der Puppentheatersammlung im Münchner Stadtmuseum, deren Leitung Dr. Böhmer nach zwölf Jahren anregendster Ankaufs- und Ausstellungstätigkeit, die dem Gebiet der Volksbelustigung und des Massengeschmacks galt, jetzt abgibt.

Die Pariser Auswahl umfaßt Zirkus und Schaustellerei. Sie reicht von altbekannten Tiernummern, Kettensprengern, Dressuren, Vier-Zentner-Damen und Kunstreitern bis hin zu dem haarigen Löwenmenschen, der, Wunschtraum des 19. Jahrhunderts, Shakespeares Werke liest. Wie sicher, auch im Geschmack, die Schau- und Sensationslust befriedigt wurde, überwältigt heute mehr denn je. Wunder wurden als das Normale, Selbstverständliche hingestellt, daher die naive Direktheit.

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Adolph Friedländer war auf die Zirkuswelt und ihre Umkehr der Erfahrung spezialisiert. Zwischen 1872 und 1935, als das Unternehmen schließen mußte, hat er Plakate mit Menschen, Tieren, Sensationen herausgebracht – eine Enzyklopädie des fahrenden Volks. Sie wurde arbeitsteilig erstellt. Friedländer beschäftigte keine Künstler, sondern ein Team erfahrener Entwerfer, die jeweils auf Köpfe, Körper, Kleider, Landschaften, Lettern, Ornamente spezialisiert waren. Der Chefzeichner – bis 1928 der brillante Autodidakt Christian Bettels – entwarf die Tiere, alle diese Katzenakrobaten, balancierenden Eisbären, zur Revue antretenden Elefanten, die so überzeugen, weil ihnen das Animalische zugunsten des Nummernhaften genommen ist und sie in eine anthropomorphe Gruppendynamik eingeschmolzen sind.

Friedländer ließ die Lithographiersteirie nach dem Druck abschleifen. So ist diese Kollektion eine außerordentliche Seltenheit. Dank ihrer wird das „Jahr des Zirkus“, wie es sich in verschiedenen Ausstellungsvorhaben ankündigt, mit einem Tusch eröffnet.

Günter Metken

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  • Quelle DIE ZEIT, 27.1.1978 Nr. 05
  • Schlagworte Enzyklopädie | Günter Metken | Tier | Niederlande | Hamburg
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