Dollar im Sturzflug
Aufstieg und Fall der US-Währung
Von Rudolf Herlt
Die Zeiten sind lang vorbei, da ganze Legionen amerikanischer Manager nach Europa drängten, weil sie bei den geltenden Umrechnungskursen in der Alten Welt geradezu verschwenderisch gut bezahlt wurden. Damals kostete der Dollar noch vier Mark. Diese Woche ist er dicht an die Zwei-Mark-Grenze gerückt. Heute klagen die Amerikaner über das „teure Pflaster“ in Europa. Dazwischen liegt eine amerikanische Tragödie, deren letzter Akt noch nicht geschrieben ist.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs besaßen die Amerikaner praktisch das gesamte Gold der nichtkommunistischen Welt. Der Schatz im sagenumwobenen Fort Knox war der Gegenwert, mit dem die Europäer amerikanische Exporte bezahlt hatten. Ob Krieg oder Frieden – das Gold war westwärts gewandert. Der Dollar wurde zur stärksten Währung der Welt. Nach und nach übernahm er die Rolle, die von den Napoleonischen Kriegen bis zum Zweiten Weltkrieg unangefochten das englische Pfund gespielt hatte: Er war das gängige internationale Zahlungsmittel und allenthalben die Währung, in der Regierungen und Geschäftsleute ihre Reserven hielten.
Mit dieser Überlegenheit gelang es den Amerikanern, die Währungsordnung der Nachkriegszeit ganz auf ihre eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden. Das Abkommen von Bretton Woods, das den westlichenIndustrieländern zwanzig Jahre lang in beispielloser Weise als Instrument der Wohlstandmehrung diente, war praktisch ein amerikanisches Diktat. Es brachte die offizielle Anerkennung der absoluten Vormachtsstellung des in Gold einlösbaren Dollars.
Hinter diesem Kraftakt stand eine prosperierende Wirtschaft. In den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren lebte Amerika fast ununterbrochen im Boom, in Gang gesetzt durch Dollarhilfe-Programme, mit denen die amerikanischen Steuerzahler über Jahre hinweg die Exportüberschüsse finanzierten; das war der zentrale Gedanke des Marshallplans.
Zwei Jahrzehnte lang verteilten die Amerikaner Gold und Dollar. Sie halfen die Volkswirtschaften ihrer Verbündeten und ihrer früheren Feinde aufbauen, stärkten deren politische Stabilität, trugen die Hauptlast der militärischen Verteidigung, investierten hohe Summen im Ausland, finanzierten einen gewaltigen Exportboom und stellten obendrein einen Markt für Einfuhren aus den abermals erblühten Volkswirtschaften Europas und Japans bereit – bis sich eines Tages zeigte, daß es auch in der Wirtschaft ein. Perpetuum mobile nicht gibt. Der Goldschatz von Fort Knox, das Gold in den Tresoren der Federal Reserve Bank in New York schrumpfte von dreißig auf zehn Milliarden Dollar zusammen. Die kurzfristigen Schulden in Übersee waren fünfmal höher. Das Land lebte über seine Verhältnisse. Es gab im Ausland mehr aus, als es sich leisten konnte.
Die Dollars, die aus den Vereinigten Staaten nach draußen strömten, landeten in Europa. Von dort flossen sie in Gestalt einer staatenlosen Kunstwährung namens Eurodollar wieder in amerikanische Taschen zurück: Die in Europa eindringenden US-Konzerne liehen sich auf dem Euromarkt das Geld, mit dem sie weitere Vorstöße finanzierten. Viele Länder unter ihnen die Bundesrepublik – schätzten die Kapitalspritzen und die technologische Befruchtung, aber Kritiker wie de Gaulle nannten die Invasion der amerikanischen Konzerne „Dollar-Imperialismus“. Sie kauften in Europa für ein Ei und ein Butterbrot ganze Wirtschaftszweige auf – in der Hoffnung, wegen der niedrigen Löhne höhere Gewinne herausholen und in die Staaten transferieren zu können. Zu Hause wuchs daraus die Arbeitslosigkeit.






