Das Paradoxon des eleatischen Philosophen Zeno sollte beweisen, daß alle Bewegung nur scheinbar sei. Zeno behauptete, ein Gegenstand, der sich langsam bewege, könne von einem sich schneller bewegenden nie eingeholt werden, wenn jener auch nur einen kleinen Vorsprung habe: Er demonstrierte das an dem Wettlauf zwischen Achilles und einer Schildkröte. Hat Achilles die Hälfte des anfänglichen Zwischenraums zurückgelegt, so gewinnt ja die Schildkröte schon wieder einen neuen Vorsprung. Nun muß Achilles wieder die Hälfte des jetzigen Abstandes zurücklegen, und in dieser Zeit gewinnt die Schildkröte aufs Neue einen Abstand.

David Parlett, ein mathematisch orientierter, sehr kreativer Spiele-Erfinder aus England, hat die Story aufgegriffen und in ein bemerkenswertes Spiel umgesetzt. Ich habe einmal mit ein paar Kritikerkollegen diskutiert, ob man nicht einen Preis für das beste Spiel des Jahres vergeben sollte. In diesem Jahr würde meine Wahl bestimmt auf dieses Spiel, auf Hase und Igel, fallen.

Die Fabel vom cleveren Hasen und dem Swinegel fördert nämlich ein völlig neues Spielprinzip zu Tage. Meine Spielesammlung umfaßt annähernd 2000 Titel. Sie lassen sich aber alle auf wenige Urväter, auf ein mageres Dutzend von Archetypen, zurückführen. So verfällt man leicht dem Irrglauben, daß alle weiteren Kreationen letztlich doch nichts anderes seien, als geschickt verpackte Aufgüsse längst ausgeknautschter Ur-Ideen. Überraschenderweise gibt es aber gerade in den letzten Jahren mehrere neue Urväter. Und Hase und Igel ist eben ein solcher imitationsträchtiger Großvater.

Die Idee des Spiels ist so paradox wie der historische Vorwurf. Ein Rennen wird ausgetragen; ein waschechter Wettlauf, bei dem der gewinnt, der als erster ins Ziel geht. Doch wer gleich vom Start weg loshastet, verliert die Puste und bleibt auf der Strecke. Je weiter hinten ein Spieler liegt, um so besser sind seine Chancen. Folglich rangeln die zwei bis sechs Spieler ständig darum, die schlechtesten Plätze einnehmen zu dürfen. Niemand will vorn sein; jeder drängt sich bescheiden in den Hintergrund. Trotzdem – es gewinnt, wer als erster durchs Ziel läuft. „Ich bin schön da“, sagte der Swinegel zu dem völlig abgehetzten Hasen...

Die Mechanik dieses Spiels beruht auf dem genüßlichen Verzehr von Karotten und Salat, was man in diesen Kreisen durchaus für glaubhaft hält. Auf betulich-biedermeierliche Kärtchen bedruckt bekommt jeder Spieler einen nicht gerade üppigen Proviant an Karotten mit auf den Weg. Vorwärtsbewegen heißt Karottenabgabe. Ein Schritt kostet eine Karotte, zwei Schritte bereits drei, während drei Schritte mit sechs gelben Rüben zu honorieren sind. Die Steigerungsrate ist enorm.

Bemerkenswert ist nicht nur das Spiel, sondern auch die Aufmachung und Ausstattung. Das große Rennen ist in ein romantisch-realistisches Tal eingebettet, eine Idylle aus frühsommerlichem Ferienglück. Der morgendliche Nebel hat sich gerade gelichtet, die Menschen schlafen noch, die Sonne wird sich bald wärmend über den Rand des Waldes tasten. Wir brauchen mehr solcher Spiele, die nicht nur Action, sondern auch Bilderbuch- und Phantasiewelt sind. Tom Werneck

Hase und Igel von David Parlett. Otto Maier Verlag, Marktstr. 25, 7980 Ravensburg. 2–6 Spieler, durchschnittliche Spielzeit zwischen 1 und 2 Stunden. Unverbindliche Preisempfehlung: DM 29,50.