Ein Hauch von Shakespeare

Drei Jahre und 1300 Druckseiten hat Richard Nixon gebraucht, um seine Memoiren zu Papier zu bringen – den Rechenschaftsbericht eines US-Präsidenten, der als einer der bedeutendsten Außenpolitiker unseres Jahrhunderts in die Geschichte seines Landes eingehen wird und zugleich, seiner pathetischen Beteuerung von einst („I am not a crook“) zum Trotz, als ein unverbesserlicher Lügner, Finassierer, Intrigant – ein Bösewicht von schurkenhafter Dimension. Kein amerikanischer Präsident war je aus krümmerem Holz geschnitzt.

Weite Teile des Erinnerungswerkes – Erstauflage: 250 000 – sind dem Watergate-Skandal gewidmet, der Nixon am Ende sein Amt kostete. Er wußte von dem Einbruch ins Wahlhauptquartier der Demokraten; er tat alles, um den Schaden für sich und seine Freunde auf ein Mindestmaß zu begrenzen. Deshalb auch dokterte er später an den berüchtigten Tonbändern herum; deshalb verschanzte er sich hinter den angeblichen Erfordernissen der nationalen Sicherheit, um die Untersuchungen der Justiz wie des Kongresses zu behindern; deshalb schob er seinen unabwendbaren Rücktritt hinaus, bis sich die Walstatt rings um ihn geleert hatte, fast nur noch seine Familie zu ihm hielt.

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Weißwäsche oder mannhaftes Bekenntnis? Die Meinungen der Leser werden auch nach der Lektüre auseinandergehen. Nixon bestätigt manches, worüber bisher nur geraunt wurde: daß er Henry Kissinger aufforderte, mit ihm im Lincoln-Salon des Weißen Hauses auf die Knie zu fallen und zu beten; daß Kissinger – der selber mittlerweile schon 1300 Manuskriptseiten seiner Memoiren zu Papier gebracht hat – ihm zur Abdankung riet; und daß der abtretende Präsident seinen Außenminister bat, als Bürge der Kontinuität auch unter Gerald Ford im Amt zu bleiben. Viele Fragen freilich bleiben offen.

Gleichwohl: Ein Hauch von Shakespeare, ein Ruch von Richard III. weht aus den Nixon-Memoiren. Da schreibt kein kleiner Strauchdieb, sondern eine der großen, genuin bösen Gestalten unserer Zeit. Und manche Einsichten Nixons sind von fortdauernder Gültigkeit. Etwa diese: „Ich habe nie viel von der Theorie gehalten, daß das Präsidentenamt den Mann zum Präsidenten macht... Seine Fähigkeiten werden deutlicher erkennbar, seine Fehler greller beleuchtet. Das Präsidentenamt ist kein Fortbildungskurs. Es ist ein Vergrößerungsglas.“ Th. S.

 
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