Der Draht nach Moskau
Von Kurt Becker
Die ausgeprägte Sachlichkeit bei den Gesprächen während des Bonner Breschnjew-Besuches hat keine Faszination aufkommen lassen. Aber gerade die nunmehr nüchterne Einschätzung der Entspannungsmöglichkeiten enthält am ehesten einen aussichtsreichen Ansatz zum Neubeginn. Dazu gehört vor allem auch Breschnjews dringliches Interesse an der Begegnung mit dem Kanzler. Es ist müßige Spekulation, ob sich der Sowjetführer dabei in erster Linie von dem Wunsch leiten ließ, den Hierarchen im eigenen Lande die Tragfähigkeit seiner Westpolitik zu demonstrieren. Wichtiger ist es, daß das Verhältnis zu Moskau normalisiert geblieben ist und sogar ausbaufähig erscheint.
Wieso oft im Umgang zwischen Ost und West besteht die Geschäftsgrundlage der prinzipiellen Übereinkunft zu besseren Beziehungen in der Bereitschaft auf beiden Seiten gegensätzliche Interessenlagen, wie sie beispielsweise in Berlin bestehen, zu akzeptieren, die Situation auf jeden Fall nicht zu verschärfen. Und auch darin, daß für die Fortdauer des Modus vivendi keine politischen Preise abverlangt werden. Sie haben offenbar nicht einmal zur Diskussion gestanden.
Jedenfalls hat Breschnjew, entgegen mancherlei Besorgnissen im Auswärtigen Amt, nicht den geringsten Versuch unternommen, die Bonner Bindungen an das westliche Bündnis zu lockern. Allenfalls orientiert sich das Interesse des Kreml-Herrn, mit der Bundesrepublik ein besseres Einvernehmen herstellen zu können, an deren Gewicht innerhalb der westlichen Organisationen und an der Erwartung, Bonn werde dort seinen Einfluß zum Nutzen der Entspannungspolitik geltend machen.
Gleichwohl fehlt der nun deklarierten guten Nachbarschaft noch ein ansehnliches Umfeld konkreter Abmachungen. Aber sie können ja nicht am Anfang des neuen Kontakts stehen, sondern erst das Ergebnis verbesserter Beziehungen sein. Das 25-Jahre-Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit – ein Wunsch des Kanzlers – ist eher ein Symbol für den jetzt von beiden Staatsmännern trassierten Weg in die Zukunft, keineswegs eine Garantie (siehe Seite 7).
Auf vage Weise gilt dies ebenso für die gemeinsame Erklärung zur Abrüstung. Ob das militärische Defizit im Entspannungsprozeß in Europa beseitigt werden kann ist zwar von entscheidender Bedeutung. Doch erst, wenn praktische Lösungen diskutiert werden, erhält auch der gemeinsame Hinweis seinen wirklichen Wert, niemand strebe eine militärische Überlegenheit an, „annähernde Gleichheit und Parität“ reiche zur Gewährleistung der Verteidigung aus.
Dann muß sich nämlich erweisen, wie weit diese Bewertung nur für das globale Kräftegleichgewicht gelten soll oder aber auch speziell für die militärische Konfrontation in Europa. Sein Gespräch mit Breschnjew deutet der Kanzler indessen als verheißungsvolles Anzeichen für die weiteren Verhandlungen in Wien über den Truppenabbau in Mitteleuropa. Immerhin sind die beiden Staatsmänner mit dieser Thematik zum ersten Male auf den Kern der schwierigsten Entspannungsprobleme und der wichtigsten Ursachen des Mißtrauens vorgestoßen.
Dennoch: Nur die Gesamtheit der Bonner Gespräche, ihr nüchterner Ablauf, der Verzicht auf gegenseitige Übervorteilung und provokative Einsprengsel, erlauben ein Urteil über das Gipfeltreffen. Alles in allem fällt es positiv aus. Vor dem historischen Hintergrund des schwierigen Verhältnisses zur Sowjetunion war die Begegnung sogar erfolgreich: Der Draht nach Moskau bleibt intakt.






