(1) Kommunikation in unserer Gesellschaft ist schwieriger geworden

Im Januar habe ich am Ende einer Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag davon gesprochen, unserer Gesellschaft fehle Fröhlichkeit und eine gelassene Zuversicht gegenüber vielen Problemen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.

Ich bin damals von einigen mißverstanden worden. Die Opposition hat mir vorgeworfen, ich wolle mit einem Appell zu oberflächlicher Munterkeit die Probleme in unserem Land vergessen machen. Das ging an der Sache vorbei.

Es ist eigenartig: Man erwartet zu Recht vom Bundeskanzler, sich in der Wirtschafts-, Finanz- oder Sicherheits- und Außenpolitik auszukennen. Zu Fragen des zwischenmenschlichen Klimas aber, dazu, wie die Menschen miteinander umgehen, ob sie sich verstehen, kurz: wie es um ihre Kommunikation steht, erwartet man vonihm allenfalls einen unverbindlichen Satz in der Neujahrsansprache. Darüber hinaus sei er nicht zuständig.

Dies verkennt: Gerade eine Demokratie ist darauf angewiesen daß ihre Bürger nicht nebeneinanderherleben, sondern ihr L,eben gemeinsam, miteinander, gestalten. Deswegen sind die Verhaltensweisen unserer Mitbürger, ihre Einstellungen und Gefühle zu sich und anderen von hoher Bedeutung für die Politik.

In der letzten Zeit habe ich über die Distanz nachgedacht, mit der sich heute einzelne und Gruppen in der Bundesrepublik gegenüberstehen. Bei mir wie bei vielen anderen verstärkt sich der Eindruck, die Menschen in unserem Land reden heute nicht genug miteinander, sie tun nicht oft genug etwas miteinander, sie gehen vielleicht auch nicht so selbstverständlich in gegenseitigem Respekt miteinander um, wie wir alle das uns eigentlich wünschen.

Ich bin kein Freund der häufig zu hörenden kulturpessimistischen Floskel, "früher sei alles besser gewesen". Aber der Eindruck eines Mangels an Miteinander bleibt doch bestehen. Untersuchungen zeigen: Viele Bürger empfinden ein "Defizit an Kommunikation".

Für diesen Mangel gibt es viele Beispiele: in den Familien - die Mitarbeiter einer Familienberatungsstelle könnten darüber Bände schreiben; oder überhaupt zwischen den Generationen - viele von uns haben entsprechende Erfahrungen mit den eigenen Kindern oder Eltern gemacht; oder zwischen Lehrern und Schülern.

Auch zwischen Politikern und Bürgern ist die Verständigung oft nicht so, wie sie sein könnte - die Aktivitäten der Bürgerinitiativen jenseits der bestehenden politischen Parteien sindzum Teil aus diesem Defizit entstanden.

(2) Das Fernsehen tritt an die Stelle einer unmittelbaren Kommunikation

Dabei ist etwas schwer zu begreifen: Diesem Mangel an Kommunikation unter den Menschen steht ein ungemein gewachsenes Angebot an Kommunikationsmitteln gegenüber. Bücher und Zeitschriften sind in einer früher unvorstellbaren Fülle auf dem Markt. Rundfunk und Fernsehen gibt es bei uns nahezu in jedem Haushalt.

Mein Eindruck ist, übertriebener Fernsehkonsum drängt vielfach den unmittelbaren Umgang der Menschen miteinander zurück. Wir alle haben selbst miterlebt, wie sehr dieses Medium unser Leben verändert hat - das politische Leben, das Leben jedes einzelnen, das Leben von Familien.

Der Anteil der Mediennutzung an der Gesamtfreizeit hat bei uns in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren stark zugenommen: Er stieg von 34 Prozent unserer Freizeit im Jahr 1964 auf 40,4 Prozent im Jahr 1974. Dabei stellt das Fernsehen mit 78,6 Prozent den größten relativen Zugewinn gegenüber den anderen Medien (Hörfunk 26,9 Prozent) und Tageszeitung (8,9 Prozent). 73 Prozent der Bundesbürger schalten ihr Fernsehgerät an jedem Werktag ein, am Wochenende sind es 80 Prozent. Die tägliche Sehdauer liegt dabei werktags über zwei Stunden, an einem Wochenendtag sogar über drei Stunden. Die heute Zwanzigjährigen (und die noch jüngeren Jahrgänge) sind die erste Generation, die unter dem vollen Einfluß dieses Fernsehkonsums aufwächst.

In den USA wird dieses Medium noch stärker genutzt als bei uns. Es bietet sich von morgens früh bis in den frühen Morgen an. Was technisch möglich ist - und sich offenbar finanziell trägt -, wird dabei auch als sozial richtig betrachtet. Bei uns gibt es da bisher einen kleinen Vorbehalt. Die Sendungen laufen in der Regel nicht bis tief in die Nacht und in den grauen Morgen; sonst könnte es ja passieren, daß einzelne am nächsten Morgen müde zur Arbeit kommen. Aber kann das der einzige Gesichtspunkt sein? Fragen wir uns genügend, was ständiges Fernsehen auf das Miteinanderredenkönnen oder -wollen hat? Auf die Kommunikation im positiven wie negativen Sinn? In vielen Familien wird inzwischen über diese Fragen diskutiert. Fachtagungen von Verbänden, Kirchen, Parteien, und Gewerkschaften befassen sich damit. Die Intendanten und die Mitarbeiter von ARD und ZDF setzen sich mit diesem Problem auseinander, was ich sehr gut finde.

Und mancherorts werden schon Konsequenzen gezogen: Es gibt Familien, in denen der Knopf zum Einund Ausschalten bewußt benutzt wird. Dort wird selektiv ferngesehen. Aber das löst das Problem der Behinderung des Miteinanderredens nicht oder kaum. Denn vielfach werden Vater, Mutter, Sohn und Tochter sehr verschiedene Sendungen sehen wollen, so daß gerade die Programmwahl zum Streit und zum Auseinanderfallen führen kann.

(3) Ein fernsehfreier Tag pro Woche?

Das Fernsehen ist ein sehr attraktives und bestimmendes. Medium. Das Gerät steht im Wohnzimmer, und es genügt ein Knopfdruck, um es einzuschalten. Es ist schwer, sich dieser Anziehungskraft zu entziehen und einen Schritt zu anderen Formen der Kommunikation zu machen. Gerade deswegen meine ich, jeder einzelne, jede Familie sollte sich bewußt die Chance geben, zu erproben, zu erfahren, zu lernen, was alles man an einem Tag ohne Fernsehen machen könnte - notfalls zu erfahren, daß man nisjht mehr miteinander reden kann.

Da so etwas erprobt werden muß und da dazu in Familien Regeln gehören, auf die man sich einigt, schlage ich ein Experiment vor: einmal einen bestimmten Tag in der Woche freiwillig den Fernseher auszulassen. Dies ist ein Vorschlag zum Experiment, bei dem es mir - und ich spreche hier nicht im Namen der Bundesregierung - vor allem darauf ankommt, eine fällige Diskussion in Gang zu setzen.

Im letzten Jahr hat die FAZ in einer Satire angekündigt, ARD und ZDF wollten das Weihnachtsproglramm ausfallen lassen. Dies hat.einen Sturm der Entrüstung ausgelöst - ich fand die Satire sehr gut. Aber es ist natürlich absurd, ernsthaft anzunehmen, irgend jemand bei uns könne oder wolle die Ausstrahlung des Fernsehprogramms abstellen. Bei meinem Vorschlag geht es darum, daß jeder für sich überlegt und entscheidet, ob er wirklich pausenlos das Programm ansehen will.

Zunächst wird das für viele Fernsehzuschauer schwierig sein. Aber ich denke mir, man wird sehr bald auch positive Erfahrungen machen: mit mehr Gespräch, mit mehr Kreativität, mit mehr Umgang mit den eigenen Kindern, mit Freunden und Nachbarn. Viele können es sich wahrscheinlich gar nicht so recht vorstellen, daß das keine Einschränkung, sondern eine Bereicherung werden kann. Sie werden feststellen, daß es Sachen gibt, die noch mehr Spaß machen als Fernsehen. So wie übrigens an den autofreien Sonntagen im November 1973 viele erlebt haben, daß es Dinge gibt, die noch mehr Spaß machen als Autofahren. Wir müssen insgesamt mehr Souveränität im Umgang mit der modernen Technik erlernen - sowohl der einzelne als auch die Gesamtgesellschaft.

Daß sich eine Bewegung gegea zuviel Fernsehen zusammenfindet, ist so unwahrscheinlich nicht. Es gibt Beispiele für-solche Gegenbewegungen: Auf eine ziemlich bewegungsarme Gesellschaft folgte in den letzten Jahren eine Welle sportlicher und körperlicher Betätigung.

(4) Das Fernsehen bleibt für uns unverzichtbar

Damit kein Mißverständnis entsteht: Ich bin kein Fernsehfeind, und es käme mir nicht in den Sinn, das Fernsehen allgemein schlechtzumachen. Im Gegenteil, ich bin ein Freund des Fernsehens. Nebenbei, wie sollte ich es nicht sein, da ich diesem Medium in meinem politischen Wirken viel verdanke.

Das Fernsehen hat eine wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft: für jeden eine Verbindung herzustellen zu dem, was in unserem Land und in der Welt gedacht, gesagt und getan wird. Diese Form den Kommunikation ist ohne das Fernsehgerät nicht mehr zu denken. Das zu leugnen, wäre Maschinenstürmerei des 20. Jahrhunderts.

Das Fernsehen trägt dazu bei, elementare Bedürfnisse des Menschen in der modernen Welt zu befriedigen: Bedürfnisse nach Bildung, Information, Unterhaltung und Entspannung. Es gibt kein anderes Medium, das uns das Geschehen in allen Teilen der Welt so hautnah und interessant vermitteln kann.

Für viele von uns bietet das Fernsehen eine Chance des Zusehauens, des Abschaltenkönnens, des Nicht-mehr-anstrengen-Müssens. Das ist ein berechtigtes Bedürfnis, und ich will niemandem dafür andere Aktivitäten aufdrängen. Oft macht das Fernsehen ungeheuer viel Spaß.

Das Fernsehen hat Politik und Kultur popularisiert und demokratisiert. Es macht die Zuschauer nachdenklicher gegenüber der Selbstdarstellung von Politikern, die sich oft genug vor der Kamera ja auch selbst entlarven.

In den letzten Jahren ist das Fernsehen auch zu einer wichtigen Bildungseinrichtung geworden. Bildungsminister Schmude hat zu Recht auf die Rolle hingewiesen, die Fernsehprogramme bei der Vermittlung politischer Bildung spielen: in dieser Hinsicht sei das Fernsehen die "größte Gesamtschule der Nation". Die Vorschulproframme haben für viele Kinder eine Aufgabe, ie sonst niemand erfüllen könnte, und ich möchte die positiven Erfahrungen mit solchen Sendungen, über die Pädagogen berichten, nicht anzweifeln.

Für viele Alleinstehende, Kranke und Einsame stellt das Fernsehen eine wichtige und häufig die einzige Verbindung zur Außenwelt dar. Die Zeit, die unsere älteren Mitbürger täglich vor dem Fernsehgerät verbringen, liegt wesentlich über der Sehdauer des Durchschnittsbürgers. Gerade sie sollten sich von meinem Vorschlag keineswegs betroffen fühlen, obwohl ihnen zu wünschen wäre, daß sie häufer einen persönlicheren Kontakt zur Außenwelt erhalten als über die Fernsehantenne.

(5) Gefahren übertriebenen Fernsehkonsums

Obwohl also das Fernsehen offensichtlich gute Seiten hat, haben erstaunlich viele Menschen ein schlechtes Gewissen, zu viel fernzusehen. Bei von mir veranlaßten Untersuchungen fand sich kaum jemand, bei dem derartiges nicht spürbar war; allerdings mit Ausnahme der älteren Mitbürger, die wegen ihrer besonderen Lebenssituation stärker auf das Fernsehen angewiesen sind.

Wie kommt es zu diesem schlechten Gewissen? Ich vermute, unbewußt spüren die meisten die Problematik des Mediums Fernsehen. Das wird auch in der Fachdiskussion bestätigt, zu der erfreulicherweise gerade die Fernsehanstalten viel beigetragen haben. Wie ein roter Faden zieht sich eine kritische Distanz gegenüber der Wirkung des eigenen Mediums durch die Äußerungen von Intendanten und Medienfachleuten.

Drei Problembereiche, die ich wegen des Gesamtzusammenhangs der Kommunikationspröblematik für besonders wichtig halte, möchte ich hier aufnehmen und näher erläutern:

a) Die Ersatzfunktion des Fernsehens
Bei vielen Menschen ersetzt das Fernsehen eine offensichtlich schon vorher gestört gewesene Kommunikation. Es ersetzt die nicht vorhandene Möglichkeit, in vielen Bereichen selbst sinnliche Erfahrungen zu machen. Ich will Ihnen ein Beispiel aus einem Intensiv-Interview geben: Ein Fernsehzuschauer erzählte, am liebsten sehe er eine Sendung, in der Bastelarbeiten mit der Absicht, vorgeführt werden, die Zuschauer selbst zum Basteln anzuregen; et räumte aber ein, diese Anregungen selbst noch nie verwirklicht zu haben.

Die Erfahrungsbedürfnisse des Menschen werden durch das Fernsehen wohl oft nur zum Schein befriedigt. Das Fernsehen produziert die Illusion vom Dabeisein, vom Mitmachen, vom Mitentscheiden. Tatsächlich ist aber derjenige, der vor dem Fernsehgerät sitzt, in seiner Wahrnehmung mit sich allein. Die auf dem Bildschirm auftretenden Personen besetzen zwar die Phantasie des Zuschauers, er kann mit ihnen jedoch nicht in eine lebendige unmittelbare Beziehung treten, z. B. in ein Gespräch. Es entsteht eine Pseudogemeinschaft.

Es hat sich auch gezeigt, daß die Beziehungen der Familienmitglieder, die gemeinsam vor dem Fernsehschirm sitzen, unpersönlicher werden können. Die Verständigung erfolgt nicht mehr direkt, sondern gewissermaßen in einem Dreieck, an dessen Spitze das Fernsehgerät steht. Häufig erhält es schon einen festen Platz am Abendbrottisch. Wenn dabei wenigstens über die Sendungen gesprochen würde!

Ein menschliches Hauptproblem des Fernsehens scheint mir darin zu liegen, daß es vielfach in eine Rolle gedrängt wird, die es gar nicht erfüllen kann: Es soll einen Partner ersetzen.

b) Fernsehen und Kinder
Über achtzig Prozent unserer Kinder sehen täglich fern, und zwar im Durchschnitt anderthalb Stunden. Jedes dritte Kind würde am liebsten den ganzen Tag fernsehen; jedes dritte Kind zieht das Fernsehen dem Draußenspielen vor. Die Sehbeteiligung der Acht bis 13jährigen am Hauptabendprogramm liegt inzwischen über 30 Prozent.

Dabei sind die unerfreulichen Einflüsse des Fernsehens auf Kinder empirisch belegt. Sie sind gegen die Intensität, Sprunghaftigkeit und Oberflächlichkeit des Fernsehens noch weitgehend ungeschützt. Dem Fernsehen wird eine wesentliche Verstärkerrolle bei der auch von anderen Einflüssen her geförderten Entwicklung zur Zappeligkeit und Konzentrationsschwäche zugewiesen. Auch negative Folgen für die Entwicklung des kindlichen Sprachvermögens sind belegt. Insgesamt ist der Umfang von kindlichen Verhaltensstörungen heute größer, als er selbst in der Kriegszeit war!

Das Fernsehen bekommt in manchen Familien die Rolle des Babysitters. Viele Eltern reden nicht mehr genug mit ihren Kindern. Sie setzen sie vor das Fernsehgerät, von dem sich die Kinder selbst wegen der Faszination der bewegten Bilder nicht lösen können. Die Kinder sind mit dem, was sie sehen, oft ganz für sich allein gelassen. Das ist von Bedeutung, weil wir wissen, daß Kinder hochgradig für wirklich nehmen, was sie auf dem Bildschirm sehen.

Hinter die vom Intendanten des ZDF in einem Vertrag vor der Theodor-Heuss-Akademie geäußerte Ansicht, jetzt wachse eine Generation heran, die bereits Distanz zum Fernsehen habe, weil es für sie eine alltägliche Angelegenheit geworden sei, möchte ich einstweilen noch ein großes Fragezeichen setzen. Untersuchungen zeigen eher ein anderes Bild. Die Kinder, die jetzt heranwachsen, werden nicht, wie wir, in der Mitte des Lebens vomBildschirm überfallen, sondern schon zu einem Zeitpunkt, in dem sie noch im Laufstall stehen. Sie werden abhängiger sein als wir, wenn ihnen nicht geholfen wird, die Welt der eigenen Erfahrung und des eigenen Erlebens miteinander aufzubauen.

c) Fernsehen und Gewalt
Ein besonderes Problem ist die Fülle von Gewaltdarstellungen im Fernsehen, die auch bereits zu Sendezeiten gezeigt werden, zu denen noch Kinder jeglichen Alters vor dem Apparat sitzen. Dieses heftig diskutierte Thema hat zwar unmittelbar mit dem der mangelnden Kommunikation nur wenig zu tun, es gehört aber in den weiteren Zusammenhang unserer Fragen nach der Wirkung des Fernsehens.

Die Frage nach der direkten Wirkung von Gewalt auf dem Fernsehschirm ist in der pädagogischen und psychologischen Forschung umstritten. Es mag sein, daß die Frage, ob eine Darstellung von Gewalt brutales Verhalten fördern kann, in dieser Form zu einfach gestellt ist. Die überzogene Katastrophen- und Gewaltdarstellung ist auch keinesfalls nur ein Problem des Fernsehens.

Alle Medien, gerade bestimmte Formen der Tagespresse, sind in Gefahr, Gewaltsituationet zu übertreiben oder reißerisch darzustellen.

Trotzdem meine ich: Es gibt im Fernsehen Nachlässigkeiten gegenüber dem Gewaltproblem. Sie reichen von der Tagesschau bis tief in die Unterhaltungssendungen. Die häufige Vorspiegelung, Konflikte seien besonders einfach mit Gewalt zu lösen, muß eine verheerende Auswirkung auf die politische Struktur einer Demokratie haben. Demokratie muß Konflikte mit den ihr eigenen Möglichkeiten und Methoden lösen können. Das Schwarz-Weiß-Schema von Gewaltlösungen darf nicht zu einem Vorbild für unsere Gesellschaft werden.

(6) Der fernsehfreie Tag

Ich will meine Anregung für einen fernsehfreien Tag noch etwas verdeutlichen. So stelle ich mir vor"man setzt sich innerhalb der Familie zusammen und handelt einen bestimmten Tag in der Woche aus. Das wäre schon eine große Chance für ein besseres Miteinander in den Familien,

Die soziale Bedeutung könnte noch größer werden, wenn man sich auch in einem weiteren Kreis, zum Beispiel mit Nachbarn und Freunden, auf einen gemeinsamen Tag einigt. Da weiß man eben, der andere ist ansprechbar, ein Besuch stört nicht, und man wird nicht gestört.

Es ist auch denkbar, daß ein solches Experiment unter den Mitgliedern von Vereinen, Gewerkschaften und politischen Parteien diskutiert wird und. Interesse findet. Ich denke an diejenigen, die es heute schwer haben, in ihrem Vereinsleben mit den verlockenden Angeboten des Fernsehens zu konkurrieren. Ich denke an die Gewerkschaften und an die politischen Parteien, deren Arbeit sich häufig nach den Terminen des Fernsehprogramms richten muß. Ich denke an die Lehrer, die fast alle über müde und unkonzentrierte Kinder klagen; sie könnten vielleicht Nutzen ziehen aus einem Klassengespräch iber bestimmte Fernsehsendungen, die man zu diesem Zwecke vorher angesehen hat. Ich denke an die Kirchen, die karitativen Verbände und an die Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Sie alle hätten die Chance, Alternativen zur einseitigen Nutzung des Fernsehens vorzuschlagen. Sie können manchem unserer Mitbürger den Schritt zu einer neuen Erfahrung erleichtern.

Das Fernsehen selbst kann Anstöße geben für eine fernsehfreie Kommunikation. Das mißte in unserem bewährten System des öffentlichrechtlichen Fernsehens eher leichter sein; denn es ist von der Jagd nach Einschaltquoten längst nicht so abhängig wie das private, kommerzielle Fernsehen. Dies ist auch ein wichtiger Grand dafür, daß ich ein Verfechter des öffent ichrechtlichen Charakters von Rundfunk und Fernsehen bleibe. Einschaltquöten als Erfolgsmesser sind letztlich absurd.

Ich weiß, mein Vorschlag eines fernsehfieien Tages könnte mißverstanden werden. Man wird sagen, hier sollten die Möglichkeiten zur freien persönlichen Entscheidung eingeengt werden. Es wird heißen, ich wollte die Leute gängeln oder ich spräche ihnen die Mündigkeit ab. Solche Vorwürfe gehen am Kern der Sache vorbei. Niemandem soll die Freude am Fernsehen genommen werden. Jeder, der möchte, soll sich entspannen können.

Aber ich will dazu anregen, mit der modernen Technik souveräner umzugehen. Es geht um eine Verbesserung der unmittelbaren, zwischenmenschlichen Kommunikation. Es geht darum, mehr miteinander zu reden, mehr miteinander zu tun, überhaupt mehr miteinander zu leben. Es geht um eine vernünftige, mitmenschliche Alternative zum Dauerfernsehen.

Unsere Gemeinschaft, unser Land würde dabei gewinnen, wenn der Fernseher häufiger ausgeschaltet bliebe, wenn wir lebendiger miteinander umgingen. Mancher wird dabei größere Freiheit und Selbständigkeit erlangen. Dazu möchte ich einen Anstoß geben.

Wir werden die großen und komplizierten Probleme des Miteinander nicht durch einen Knopfdruck - in diesem Fall auf den Knopf, der die Mattscheibe ausblendet, lösen können. Es gibt keine simplen Rezepte. Aber es ist viel erreicht, wenn das bereits vorhandene Problembewußtsein der Bürger gegenüber dem fernsehen angesprochen und damit eine intensive Diskussion ausgelöst wird.

Ich bitte darum, mich bei dieser Initiative zu unterstützen - auch durch Einwände und Gegenrede. Das Thema wäre eine Diskussion wert.