Medien Plädoyer für einen fernsehfreien TagSeite 5/5
(6) Der fernsehfreie Tag
Ich will meine Anregung für einen fernsehfreien Tag noch etwas verdeutlichen. So stelle ich mir vor"man setzt sich innerhalb der Familie zusammen und handelt einen bestimmten Tag in der Woche aus. Das wäre schon eine große Chance für ein besseres Miteinander in den Familien,
Die soziale Bedeutung könnte noch größer werden, wenn man sich auch in einem weiteren Kreis, zum Beispiel mit Nachbarn und Freunden, auf einen gemeinsamen Tag einigt. Da weiß man eben, der andere ist ansprechbar, ein Besuch stört nicht, und man wird nicht gestört.
Es ist auch denkbar, daß ein solches Experiment unter den Mitgliedern von Vereinen, Gewerkschaften und politischen Parteien diskutiert wird und. Interesse findet. Ich denke an diejenigen, die es heute schwer haben, in ihrem Vereinsleben mit den verlockenden Angeboten des Fernsehens zu konkurrieren. Ich denke an die Gewerkschaften und an die politischen Parteien, deren Arbeit sich häufig nach den Terminen des Fernsehprogramms richten muß. Ich denke an die Lehrer, die fast alle über müde und unkonzentrierte Kinder klagen; sie könnten vielleicht Nutzen ziehen aus einem Klassengespräch iber bestimmte Fernsehsendungen, die man zu diesem Zwecke vorher angesehen hat. Ich denke an die Kirchen, die karitativen Verbände und an die Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Sie alle hätten die Chance, Alternativen zur einseitigen Nutzung des Fernsehens vorzuschlagen. Sie können manchem unserer Mitbürger den Schritt zu einer neuen Erfahrung erleichtern.
Das Fernsehen selbst kann Anstöße geben für eine fernsehfreie Kommunikation. Das mißte in unserem bewährten System des öffentlichrechtlichen Fernsehens eher leichter sein; denn es ist von der Jagd nach Einschaltquoten längst nicht so abhängig wie das private, kommerzielle Fernsehen. Dies ist auch ein wichtiger Grand dafür, daß ich ein Verfechter des öffent ichrechtlichen Charakters von Rundfunk und Fernsehen bleibe. Einschaltquöten als Erfolgsmesser sind letztlich absurd.
Ich weiß, mein Vorschlag eines fernsehfieien Tages könnte mißverstanden werden. Man wird sagen, hier sollten die Möglichkeiten zur freien persönlichen Entscheidung eingeengt werden. Es wird heißen, ich wollte die Leute gängeln oder ich spräche ihnen die Mündigkeit ab. Solche Vorwürfe gehen am Kern der Sache vorbei. Niemandem soll die Freude am Fernsehen genommen werden. Jeder, der möchte, soll sich entspannen können.
Aber ich will dazu anregen, mit der modernen Technik souveräner umzugehen. Es geht um eine Verbesserung der unmittelbaren, zwischenmenschlichen Kommunikation. Es geht darum, mehr miteinander zu reden, mehr miteinander zu tun, überhaupt mehr miteinander zu leben. Es geht um eine vernünftige, mitmenschliche Alternative zum Dauerfernsehen.
Unsere Gemeinschaft, unser Land würde dabei gewinnen, wenn der Fernseher häufiger ausgeschaltet bliebe, wenn wir lebendiger miteinander umgingen. Mancher wird dabei größere Freiheit und Selbständigkeit erlangen. Dazu möchte ich einen Anstoß geben.
Wir werden die großen und komplizierten Probleme des Miteinander nicht durch einen Knopfdruck - in diesem Fall auf den Knopf, der die Mattscheibe ausblendet, lösen können. Es gibt keine simplen Rezepte. Aber es ist viel erreicht, wenn das bereits vorhandene Problembewußtsein der Bürger gegenüber dem fernsehen angesprochen und damit eine intensive Diskussion ausgelöst wird.
Ich bitte darum, mich bei dieser Initiative zu unterstützen - auch durch Einwände und Gegenrede. Das Thema wäre eine Diskussion wert.
- Datum 03.12.2008 - 13:02 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.05.1978 Nr. 22
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