Hannover

Das Grundstück Bleekstraße 20 im Hannoverschen Schmuckstadtteil Kirchrode ist anders gesichert als die Grünflächen der Villen und Reihenhäuser der Umgebung. Ein Lattenzaun außen, innen ein stabiles Maschendrahtsystem an hohen Betonpfosten, bewehrt mit Stacheldraht. Materiellen Werten gilt diese Sperre nicht. Hier, neben dem idyllischen Stadtwald Eilenriede, ist auch kein Gefängnis untergebracht. Der „Birkenhof“ sieht nur so aus. Er wird als Mädchenheim bezeichnet.

Die wehrhafte Anlage rund um das Grundstück sollte dessen Bewohner vor „äußeren Einflüssen“ schützen, so dachte es sich die Heimleitung. Möglicherweise sind einige der 108 Mädchen zwischen. 13 und 17 Jahren, die hier wohnen, bisher eher schutzlos gewesen. Die Dokumentation des Bremer Sozialarbeiters Peter Brosch behauptet es. Die auf 32 Seiten festgehaltene Kritik richtet sich gegen die „unhaltbaren und menschenunwürdigen“ Zustände in dem geschlossenen Heim. Ihre Ernsthaftigkeit hat der Verfasser Brosch betont, indem er bei der Staatsanwaltschaft Hannover Strafanzeige gegen die Leitung des „Birkenhofs“ erstattete. Das sind die Vorwürfe:

  • Um die Mädchen ruhig zu halten, verabreiche man ihnen Beruhigungsmittel, auch Valium, Haldol und Dominal. Dies geschehe heimlich und mitunter ohne ärztliche Anordnung. Durch die Wirkung der Medikamente solle das Heim vor Unruhen bewahrt werden; der Anstaltsjargon spricht von „Bambule“.
  • Ein großer Teil der eintreffenden und ausgehenden Post soll von der Heimleitung gelesen und zensiert worden sein. Manche Briefe hätten ihre Adressaten nie erreicht.
  • Das Sicherungssystem des Grundstücks wird als gefängnisähnlich beschrieben. Für 40 000 Mark sei der Stacheldrahtzaun im vorigen Jahr erneuert worden. Nachts patrouilliere ein Wächter mit einem Schäferhund. Die Situation im „Birkenhof“ habe mehrfach zu Fluchtversuchen geführt; immer wieder hätten Mädchen sich dabei verletzt. Ein Heimzögling sei dadurch querschnittgelähmt, ein anderes Mädchen habe einen Finger eingebüßt.
  • Kontakte innerhalb des Komplexes seien fast unmöglich. Die Türen würden verschlossen gehalten. Ausgang gebe es nur gruppenweise mit den Erzieherinnen, Besuche der Angehörigen lediglich alle sechs Wochen.
  • Ihr Taschengeld erhielten die Mädchen nicht ausgehändigt. Es werde verwaltet, Einkaufswünsche müßten auf Formulare notiert werden.
  • Viele Eltern wüßten nichts von den Ei Bedin – gungen im „Birkenhof“.
  • Jugendämtern sei der „Skandal“ aber durchaus bekannt.

Die angeprangerten Zustände wurden anfangs von der Heimleitung bestritten. Später wurde manches konzediert, doch mit einer pädagogisch angereicherten Begründung erklärt.

Der „Birkenhof“ wird von dem Verein „Evangelische Jugend- und Altenheime e. V.“ geführt. Dieser ist dem Diakonischen Werk der Evangelischen Landeskirche angeschlossen. Der Heimträger bestimmt die Zielsetzung seiner Arbeit selbst und ist verantwortlich für die Erziehung. Die staatliche Kontrolle versieht die Bezirksregierung Hannover. „Die Aufsicht erstreckt sich darauf, daß in dem Heim das Wohl der Mädchen gewährleistet ist.“

Hannovers Regierungspräsident ließ die Vorwürfe untersuchen. Das Ergebnis: Das Wohl der im „Birkenhof“ befindlichen Mädchen sei nicht gefährdet. „Für besondere aufsichtsbehördliche Maßnahmen besteht daher keine Veranlassung.“