Es gehört zur Redlichkeit und Ergiebigkeit der Ausstellung „Polnische Malerei von 1830 bis 1914“, daß sie, mittels der Bilder selbst im Kontext mit mehreren exzellenten kunsthistorischen Beiträgen im Katalog, quasi greifbar beides zugleich demonstriert: These und Antithese. Einerseits wird uns die vom Warschauer Kunsthistoriker Jan Bialostocki ganz vortrefflich analysierte vielschichtige Romantik, ihre polnisch-nationale Position, besonders ihr missionarisches Pathos, vor Augen geführt. Aber dann sehen wir, in der Phase des Realismus und Impressionismus, Werke dieser Romantik der Lächerlichkeit preisgegeben, der Hohlheit und Unwahrhaftigkeit, ja einfach der Unkunst geziehen.

Jan Matejko (1838 bis 1893), der (wie viele andere) ein ganzes Jahr in München studierte, ist ein Musterbeispiel für beides: wie man ihn verstehen und wie man ihn mißverstehen kann. Die Apologeten werben für Matejko in sinnvoll aufklärender Weise: man solle, so argumentieren sie, ihn nicht oberflächlich betrachten, seine historischen Gemälde, die mehr als nur „Schinken“ sind, nicht als damals, zur Zeit ihrer Entstehung, museal gewesen einschätzen, sondern als nur scheinhistorisch. „Die Predigt von Skarga“ (das heißt: die Predigt des Jesuiten Piotr Skarga, der um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert lebte) ist dafür ein gutes Beispiel. Nicht Skarga und nicht jene Zeit sind eigentlich gemeint, sondern ein Appell des Künstlers an seine Zeitgenossen, den Egoismus aufzugeben, der das Vaterland gefährdet. Ein Bild wie „Stanczyk“ (Hofnarr König Sigismunds I.) „symbolisiert in der historischen Version von Matejko das Gewissen des Volkes“. Diese Symbolisierung ist nicht unmittelbar ablesbar, sie ist auf das historische Wissen des Betrachters angewiesen, es hat jenen „literarischen“ Charakter, der eine spätere Generation in Polen empörte. Es handelt sich in solchen Fällen um moralische Aufgaben, die die Künstler, glühende Patrioten, sich selber stellten. Das eigentlich Künstlerische, das Formale, das Prinzip l’art pour l’art wurde untergeordnet, die Autonomie der Kunst suspendiert oder verleugnet.

Das polnische Volk sollte durch seine Schriftsteller, aber besonders in Augenblicken, da die Literatur nicht ausreichte oder versagte, auch durch die Malerei vor Verzagtheit bewahrt und in patriotischer Stimmung gehalten werden. Eine Art fiebrigen Durchhaltepathos war im Spiel. Es war die Epoche der Fremdherrschaft, der Aufteilungen des polnischen Territoriums unter Rußland, Österreich und Preußen. Die fehlende staatliche Existenz sollte ersetzt werden: „Im Geiste vereinen, was politisch getrennt ist“, hieß eine charakteristische Formulierung. Es fragt sich, so gesehen, ob das polnische Volk ohne seine Literatur und ohne seine bildende Kunst überlebt hätte.

Wir fühlen uns, wenn wir (anläßlich der Kieler Wocfie) die 121 Werke von 39 Malern betrachten, ganz natürlich ermuntert, Sympathien zu entwickeln. Aber wofür? Für die Malerei etwa, die zur Zeit der Fremdherrschaft existierte? Oder, ganz anders, für die bewunderungswürdige Selbstbehauptung eines Volkes während der Fremdherrschaft, ausgedrückt für die Zeitgenossen der Maler und zugleich für uns Spätere erfahrbar gemacht durch pathetische Pinselhiebe, durch einen Stil, der uns an Piloty und Makart erinnert oder gar an den russischen Schlachtenmaler Wereschtschagin?

Wir vernehmen in einem Kommentar, natürlich späterer Zeit, in der Zeit des „Realismus“, den wütenden, kläffenden Ausfall gegen die Malerei des „romantischen“ Patriotismus: „Matejko ist kein Maler!“ In einer polnischen „bataille realiste“ wird uns, gleichsam post festum, bescheinigt, daß es nicht auf Themen, Stoffe, patriotisches Wohlverhalten wie bei Matejko ankommt, sondern auf Kunst oder vielmehr die „eigentliche“ Kunst. Solch eine Auffassung hat dann eine logische Konsequenz in der These „Ein gut gemaltes Christus-Haupt und ein gut gemalter Kohlkopf sind von gleicher künstlerischer Bedeutung und Ausdruckskraft.“ Das Idol Matejko wurde abgelöst von anderen Idolen, vor allem von Maksymilian Gierymski (1846 bis 1874) und Aleksander Gierymski, Maksymilians Bruder (1850 bis 1901). Beide haben an der Münchner Akademie studiert, Aleksander sogar fünf Jahre, von 1868 bis 1873, er lernte Komposition bei Piloty.

Einige Bilder der Gierymskis gehören zu den schönsten Kieler Exponaten. Matejko hat übrigens nicht nur pathetische, patriotische, moralische, didaktische Bilder gemalt, sondern auch unprätentiöse und stille. Dazu gehört das meisterhafte Selbstporträt von 1892, ein Jahr vor seinem Tode geschaffen. Das schönste Porträt der ganzen Kollektion ist meines Erachtens (man kann darüber streiten und auch nicht) das melancholische Nachdenklichkeit abtastende Bildnis einer Jüdin von jenem, Maurycy Gottlieb, der, 1856 in Drohóbycz geboren, bereits mit 23 Jahren in Krakau starb. Vielleicht hatte er, wer weiß, wäre ihm ein längeres Leben beschieden gewesen, auf dem Gebiete des Frauenporträts mit dem großen Renoir gewetteifert. Zieht man etwa Bilder von Jozef Brandt („Czarnecki bei Polding“, 1870), von Adam Chmielowski (die „Zawale“ betitelte Landschaft von 1883), von Piotr Michalowski und vielen anderen in Betracht, dann darf man, meine ich, ohne Zögern sagen: Die polnische Malerei hat in ihren besten Beispielen nichts Provinzielles an sich, sie hat europäischen Rang.

Aber: Größen wie, sagen wir, Corot, Delacroix, Courbet, Cézanne, Renoir oder Menzel, Leibl, Marées, Liebermann, Corinth sind nicht vorhanden. Die Ausstellung (eine so verdienstvolle und kenntnisreiche Kunsthistorikerin wie Agnieszka Moravińska, die Warschauer Kommissarin der Ausstellung, wird das sicherlich richtig einschätzen) stellt in erster Linie nicht die Frage nach der Größe, die ja auch bis zu einem gewissen Grade eine leidige Frage nach den dubiosen Relativitäten ist. Die Ausstellung stellt die Frage: Gibt es so etwas wie einen polnischen Nationalstil? Man zögert. Vieles ist zum Verwechseln ähnlich mit deutscher, österreichischer, französischer oder gar russischer Malerei. Von den 39 ausgestellten Künstlern haben 17 in München studiert. Man könnte in vielen Phasen von einer polnischen Dependance der Münchner Akademie und des Münchner Stils sprechen. Das spezifisch Polnische liegt, vor allem in der Romantik, nicht in der Malerei, in der peinture, im Verhältnis, das die Künstler zur Linie und Farbe hatten, einem elementaren Liebesverhältnis. Es liegt im Historischen, Literarischen, im Ikonographischen. Erwägt man auch die Staatszugehörigkeit, dann könnte man jenen Matejko, den man auf Grund seiner Ausbildung Deutschland zurechnen könnte, auch zu Österreich zählen: was denn auch geschehen ist, wenigstens in der Zeit der österreichischen Okkupation nach der dritten Teilung Polens. Jetzt sollten wir ihn Polen, dem jahrzehntelang nicht vorhanden gewesenen, aber 1918 wiederhergestellten, zuschlagen. Dahin gehört er ja tatsächlich: als Patriot, der er, vom Scheitel bis zur Sohle, war.

Die höchst instruktive Ausstellung, um die sich der Kieler Kunsthallendirektor Jens Christian Jensen außerordentlich verdient gemacht hat, wirbt polnischerseits, sehr verständlich, um Sympathie und Anerkennung Polens. Mittels der Bilder. Da wird man nachdenklich. Warum eigentlich der Umweg? Unsere Sympathie bieten wir den Polen doch bedenkenlos direkt. (Bis 28. 8. Kiel; 7. 9. bis 29. 10. Württembergischer Kunstverein, Stuttgart; 12. 11. bis 8. 1. 1979 Von-der-Heydt-Museum, Wuppertal. Katalog 26,80 DM.) René Drommert