Für einen Jugendlichen ist die Wirklichkeit perspektivlos, lieblos, hoffnungslos. Perspektivlos ist sie nicht nur im materiellen Bereich, was fehlende Studien- und Ausbildungsplätze zeigen, sondern auch im geistigen. Es ist bezeichnend, daß die etablierten Parteien keine zukunftsweisenden Ideen haben. Lieblosigkeit läßt sich an der Behandlung von Außenseitern und Statistiken über Kindesmißhandlung erkennen. Hoffnungslos ist die Wirklichkeit, weil in den Schulen stures Pauken das Nachdenken verdrängt. Wenn aber die notwendige Utopie von einer friedvollen und gerechteren Welt nicht einmal mehr gedacht wird, wie soll es dann zu einer Veränderung kommen? Es ist traurig, daß Erwachsene, die ein gesichertes Einkommen haben, all das kaum verstehen. Schlimm wird es aber, wenn Jugendsekten die Hilflosigkeit und Enttäuschung junger Menschen ausnutzen, indem sie aus der Flucht der Jugendlichen noch Kapital schlagen. Eigentlich sollte sich die Kirche der Enttäuschten annehmen. Sie könnte auch die Wirklichkeit verändern. Denn in der Bibel finden wir immer wieder die Idee des Aufbruchs und sehr hohe ethische Normen. Zudem ist Christum zugleich ein dienender und fordernder Gott. Aber leider betrachten viele Christen ihr Christsein nur als Privatangelegenheit. Die Kirche selbst ist so zerrissen, daß sie ihre Aufgaben kaum erfüllen kann. So werden wir weiterhin alle gemeinsam staunend und ohnmächtig zuschauen, wie in den Jugendsekten und nicht nur dort – Menschen ausgenutzt und zerbrochen werden.

Eva Reifarth

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Zu den traditionellen Drogen wie Rauschgift, Alkohol und Fernsehen, mit denen Jugendliche aus der Wirklichkeit zu fliehen versuchen, hat sich eine dritte gesellt: Man sagt, daß die Anhänger dieser Sekten seelisch abhängig würden, ihre Selbständigkeit verlören und nicht zu ihren Familien zurückkehrten. Und schon beginnt das Kesseltreiben gegen die Jugendsekten, das sicher so lange andauert, bis die Jugendlichen eine neue Droge gefunden haben. Denn alles, bisher unternommen wurde, um Jugendliche auf die bürgerliche Bahn zurückzubringen, waren Symptombehandlungen. Besitz von Rauschgift wurde bestraft, der Verkauf von Alkohol an Kinder wurde untersagt, und der negative Einfluß des Fernsehens soll durch geänderte Filmauswahl gedämpft werden. Aber bei welcher dieser Maßnahmen kommt die direkte Beschäftigung mit den Problemen Jugendlicher vor? Arbeitslosigkeit, gettoähnliche Hochhausstädte und kinderfeindliche Schulen – das ist die Wirklichkeit, aus der viele ausbrechen.

Angelika Heine, 17 Jahre

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Jugendsekten sind keine Flucht, sondern eine Entführung aus der Wirklichkeit. Eine Entführung, die durch eine allgemeine Frustration und das Suchen nach einem neuen Leben begünstigt wird. Doch entpuppt sich dieses neue Leben als ein verschleierter Ausbeutungsmechanismus, der unter einem religiösen Deckmantel liegt. Diese Jugendsekten werden von einem durchorganisierten Management geleitet und sind weniger auf ein religiöses Leben, als Vielmehr auf Geld ausgerichtet. Carsten Mierke, 17 Jahre