„Die Vollidioten – Ein historischer Roman aus dem Jahr 1792“, von Eckhard Henscheid. Das erzbanale Leben literarisch zu verewigen, müßte ja weiß Gott nicht deshalb sein, weil es sonst vergänglich wäre. Aber Romane könnten Einzelzüge leisten, die stellvertretend für das unendliche Ganze stünde und zu einer Symbolkraft durchdränge, vor der Dokument und Erfindung verblassen. Eckhard Henscheid ist das in seinem jetzt wiedererschienenen Buch „Die Vollidioten“, dem ersten Band seiner „Trilogie des laufenden Schwachsinns“, in einer Weise gelungen, daß man auf jeder Seite den Hut ziehen muß – vor einer schier gigantischen Kunstfertigkeit, das irrsinnige Alltagsleben als sinnvoll funktionierendes Universum zu erkennen und darzustellen. Das hat kaum ein Vorbild, es sei denn, man wollte auf Traditionen wie Kurt Kluge („Der Herr Kortüm“) oder Alexander M. Frey („Solneman der Unsichtbare“) zurückblicken, die aber auch hinter ihm zurückblieben. Daß seine Erzählerposition an Satire und Karikatur vorbeikommt, bestimmt den tief humanen Klang seiner Prosa: Sein „Ich“ steht zwar am Rand, aufmerksam forschend, läßt sich aber willig hineinziehen in die aberwitzig leeren Leiden seiner Mitmenschheit – zu einer Mitmenschlichkeit, in der Komik und Tragik miteinander auf den Duzfuß kommen. Ganz unvergeßlich die Gestalt des „Herrn Klößen“, des tapfer verrückten Unglücksmenschen, der sich durch den Weltlauf mogelt, als wäre der nur eine vorübergehende Pechsträhne: – dergleichen ist, soweit ich sehe, wirklich noch nie in Buchstaben gelungen. Wenn „das Leben“ schreiben könnte, wäre dies einer jener Romane, „die das Leben selber schrieb“. Aber es ist ja analphabetisch sozusagen von Natur; es bedarf der Künstler, die Abschrift nehmen –, solcher wie Henscheid einer ist. (Mit Zeichnungen von F. K. Waechter; Vertrieb Zweitausendeins, Postfach 71 02 49, Frankfurt, 1978; 239 S., 14,– DM.)

Hans Wollschläger

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„Verfolgung des Bartholome“, Erzählungen von Andreas Nohl. Schon in der ersten Geschichte dieses Buches, „Wie Blut so rot“, fließt Blut nicht, sondern „wuchs Blut zur roten Pfütze“, feiert der Junge, dessen Geschichte Andreas Nohl erzählt, nicht seinen Geburtstag, sondern den „Jahrestag seiner Ankunft“, weint der Junge nicht, sondern „kamen Tränen zu Fall“. Es folgt in derselben Erzählung auch nicht auf den Sommer der Herbst, sondern: „Es kamen die Tage, als nichts mehr war. Als die Blüten starben und nur noch Grün war... Der Himmel weinte ... Es regnete Jahre.“ So erzählt der 1954 geborene Autor in seinem ersten Geschichtenbuch von der Flucht eines kleinen Jungen aus seinem Elternhaus. Dabei gleicht die Sprache der Geschichte immer mehr jenem Bibeltext von der Vertreibung aus dem Paradies, den die Mutter dem Jungen abends vorliest, steckt das Rituelle jener Lesungen und deren Feierlichkeit die Erzählung an. Diese Sprachinfektion hat der Autor parodistisch genutzt. Denn er erzählt die Geschichte so, als sei die Flucht des Jungen aus dem Garten vor dem Elternhaus bis zu einem Apfelbaum im Freien (und weiter in die Welt hinein) die Flucht aus einem Elternhaus-Zoo, von dem aus er das Leben nur wie durch einen Zaun hindurch beobachten konnte. Dagegen suggeriert die Sprache (wohl im Sinn der bibelfesten Mutter), der Ungehorsam könnte letztlich die Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit bedeuten – die Vertreibung aus einer Gefangenschaft also. Blättert man weiter in Nohls Geschichten, stellt man fest, daß sich zwar die Themen ändern, kaum aber die Sprache. Nohl erzählt vom Selbstmord eines Schülers, von abstürzenden Vögeln über dem Kopf des Herrn K(aspar), von dem Ort Hoffthal, in dem der Vertreter Raimund Giesebrecht, sich in hoffnungslose Probleme verstrickt, und von einem Schüler, in dessen Kopf sich Lektüre und Alltag verwirren. Das Feierliche und Bedeutungsschwere von Nohls Sätzen wirkt in diesen Geschichten oftmals nur wie Feiertagspoesie. Kein gelungenes Debüt eines jungen Autors also, aber vielleicht ein Vorspiel dazu. (Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München, 1978; 110 S., 12,– DM.)

Helmut Schödel