In deutscher Sprache über Denis Diderot schreiben, heißt, die Geschichte eines Versäumnisses erzählen, und diese Geschichte könnte unter der Hand eine Form annehmen, die der des Werks gliche, von dem ich hier berichten will: „Jacques le Fataliste et son Maître“ oder, deutsch, aber es gibt weder eine anerkannte Übersetzung noch einen anerkannten deutschen Titel, „Jacob und sein Herr“. „Jacques der Fatalist und sein Herr“, so die einzig greifbare Übersetzung von Ernst Sonder bei Reclam. Es gab allerdings eine andere, vorzügliche Übersetzung, versteckt in dem 1958 bei Winkler erschienenen Band „Meistererzählungen des französischen Rokoko“, sie stammt von Walter Widmer und ist völlig vergessen. Widmer übersetzt den Titel „Jacob und sein Herr“, weil er wohl wußte, daß dem französischen „fataliste“ kein deutsches „Fatalist“ entspricht. Jacob ist nicht nur im landläufigen Sinne Fatalist, indem er als gegeben hinnimmt, was immer ihm und seinem Herrn zustößt. Aber er tut das nicht, weil dies seine Natur ist, sondern er tut es, weil er eine philosophische Position einnimmt, über die der Autor sich und seine Leser unterhält, die er mit Glossen, Anmerkungen und Beispielerzählungen versieht. Dieses Buch ist überhaupt nur geschrieben worden, um die philosophische Position, für die Jacob steht, abzuhandeln.

Das Versäumnis, von dem ich sprach, läßt sich in diesem Zusammenhang nur andeuten. Obwohl Diderot, seit Lessing und Lichtenberg, immer wieder Anhänger und Bewunderer im deutschen Sprachbereich gefunden hat, ist es nie zu einer wirklichen Kenntnis oder gar Aufnahme seines Werks bei uns gekommen. Die Übersetzungsgeschichte besteht aus Bruchstücken. Als erster versuchte sich Goethe an „Rameaus Neffen“, der neben „Jacob und sein Herr“ bekanntesten Dialogerzählung, die wiederum im französischen Originaltext bis ins 20. Jahrhundert verschollen blieb. Schiller übersetzte die Erzählung von „Madame de la Pommeray“ aus „Jacob und sein Herr“. Diderot war mit D’Alembert der Organisator und Autor der großen französischen „Enzyklopädie“. Das ist wiederum so bekannt, daß niemand sich mehr die Mühe macht zu fragen, was das bedeutet hat. Hier gibt es Ansätze zu einer neuen Teil-Rezeption. Die vier Bände des erzählerischen Werks, die der Propyläenverlag in den sechziger Jahren herausgebracht hat, sind bereits wieder in der Versenkung verschwunden. Die vier Bände der „Ästhetischen Schriften“ und der „Philosophischen Schriften“ des Ostberliner Aufbau-Verlags, die vollständigste deutsche Auswahl aus dem Gesamtwerk, waren eine Weile in Lizenz auch in der Bundesrepublik zu kaufen und wurden dann verramscht. Und so weiter – bin ich geneigt zu sagen. Daß hier „Jacob und sein Herr“ als Exempel gewählt wurde, gehört auch in diese Rezeptionsgeschichte. Dies ist eben der bekannteste unter den neun Dialogen Diderots und zudem derjenige, der am meisten der Erzählprosa zuneigt, freilich so, daß er sie thematisch zersetzt. Zweifellos aber haben die „Gespräche mit D’Alembert“, vor allem „D’Alemberts Traum“ weit mehr philosophisches und literarisches Gewicht als „Jacob und sein Herr“. Aber wer kennt sie?

Wenn ich jetzt aber nicht wirklich zu meinem Gegenstand komme, wird es mir gehen wie Jakob mit seiner immer wieder unterbrochenen Liebesgeschichte, die er seinem Herrn erzählen will, mit der er aber erst nach gut dreihundert Seiten, gezählt nach der Widmerschen Übersetzung, zu Rande kommt.

Kommt er zu Rande? Ist nicht der Abschluß, den Diderot sich einfallen läßt und zu dem er überdies noch mehrere Ansätze liefert, fast wie in „experimenteller Prosa“ des 20. Jahrhunderts, einfach nur so hingeschrieben, um fertig zu werden?

Die Frage ist eindeutig weder zu bejahen noch zu verneinen. Erzählung und philosophischer Dialog sind so ineinander verhakt, erklären so sehr auch eines das andere, daß man nicht ja oder nein, sondern nur sowohl als auch antworten kann. Der Herr, der niemals näher gekennzeichnet wird, reitet mit seinem Diener Jacob über Land, auf ein Ziel zu, das vage im Halbdämmer bleibt. Parallelen lassen sich hier wie an anderen Punkten erkennen zu Lawrence Sternes „Sentimentaler Reise“, ein Kapitel aus Sternes „Tristram Shandy“ gab die Anregung. Diderot und Sterne sind gleichsam Brüder im Geiste, aber ihre Verfahrensweisen streben in verschiedene Richtungen. Goethe hat sie beide gleichermaßen geschätzt. Wenn in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“ vom Dichter schlechthin die Rede ist, ist Sterne gemeint, die Diderot-Übersetzung Goethes, „Rameaus Neffe“, ist wie ein eigenes Werk; sie hat, bis das Original wiederentdeckt wurde, also das ganze 19. Jahrhundert hindurch, als Basis für die französische Version gedient. Aber Diderot war im Prinzip Philosoph, Sterne, auf höchster Ebene, Literat.

Das führt zu der Feststellung zurück, die beiden Hauptpersonen seien nicht als Figuren zu verstehen, sondern als Träger von philosophischen Positionen. Jacob und sein Herr führen ein Dauergespräch, während sie reiten, rasten, in Wirtshäusern einkehren, mit anderen reden, Wein trinken, ja noch in der Nacht, vor und nach dem Schlaf und in Schlafpausen. Als ferne Folie tauchen gelegentlich Don Quichote und Sancho Pansa auf. Aber Jacob und sein Herr sind gebildete Franzosen des 18. Jahrhunderts. Überdies scheint das Verhältnis von Herr und Diener, wie Cervantes es schildert, umgedreht: Jacob ist der philosophischere Kopf, er setzt immer wieder die Argumentation des Herrn matt. Wobei Jacobs Philosopheme, die stets in den Satz münden, es stehe alles in den Sternen geschrieben, eine Debatte weiterführen, die sich vom 17. ins 18. Jahrhundert fortgepflanzt hatte und, von Diderot in ihre Konsequenz vorgetrieben, am Ende nicht im Fatalismus endet, sondern im Materialismus, dem Materialismus, den Diderot philosophisch begründete.

Man muß, um das zu erkennen, über den Verlauf des Dialogs hinaus auf die handgreiflicheren Auseinandersetzungen zwischen Jacob und seinem Herrn achten, vor allem auf die im zweiten Teil, die dann durch die redselige Wirtin beigelegt wird. Diese Wirtin stiftet nämlich so etwas wie einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Jacob und seinem Herrn, indem sie die gewohnheitsmäßig eingelaufene Gleichheit in einer vertragliche, konstruktive verwandelt. Der Herr bleibt Herr, aber er kann Jacob nicht länger Befehle geben, deren Ausführung Jacob nicht billigt. Das Privileg wird aufgehoben, aber die Klassenunterschiede bleiben bestehen. In einer Form, die durch Komik und Ironie das philosophische Argument in der Schwebe hält, hat Diderot vorweggenommen, was sich erst im 19. Jahrhundert entfalten sollte. Hegels Herr-Knecht-Problematik scheint auf. Hegel erscheint dabei als der Abschließende, der nur im Abschluß vorwärts wirkt. Diderot, der unendlich Neugierige und zugleich zutiefst Skeptische, darin Lichtenberg am verwandtesten, hält die Perspektive in die Zukunft auf eine Weise offen, die ohnegleichen ist.