Kleines Glück und große Politik

Wie ein harmloser Begriff zum Zankapfel in der Union wurde

Von Rolf Tschombé

Die CDU und die CSU haben sich im letzten Jahr um mancherlei gestritten, um Einfluß und Macht, um den Kanzlerkandidaten, zuletzt sogar um das Glück. Diesen Begriff hat die CDU in der Einstimmungsphase zum Europawahlkampf verwendet. „Politik für die Freiheit – Glück für die Menschen“, lautete ihre Parole. Der CSU-Generalsekretär Stoiber hielt ihn für wenig werbewirksam, vor allem aber glaubte er, daß dieser Slogan „in seiner schlichten Kürze auf einen falschen Weg führt“; damit werde den Wählern eingeredet, „die Politik könne das individuelle Gut ,Glück‘ garantieren“.

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Die Versuchung liegt nahe, diesen Streit als ein neues Exempel für die Wahrheit des alten Sprichworts zu begreifen: „Wenn zwei das gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe“; denn das Glück ist ja auch von der CSU nicht ausgesperrt worden. Der CDU-Generalsekretär Heiner Geißle erinnerte genüßlich an ein Zitat aus der CSU-Wahlkampfzeitung, wo vom „Glück, ein Bayer“ zu sein, die Rede war. Und auf den Wahlkampfplakaten waren penetrant glückliche Menschen zu sehen, die sich im „lebens- und liebenswerten Bayern offensichtlich wohl fühlten“. Es ist kaum anzunehmen, daß dieses bayerische Glück in der Absicht vorgestellt wurde, die Politik der CSU habe damit nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Ganz so einfach, wie das Sprichwort vermuten läßt, liegt der Fall freilich nicht. Die Kritik der CSU fand Nachahmer und Fortsetzer, denen die Assoziation „Milch von glücklichen Kühen“ einfiel und die vom unheilvollen Einfluß der Werbepsychologie auf die Politik sprachen. Wie Stoiber begreifen auch sie Glück als eine rein individuelle Angelegenheit. Manchmal schimmerten in der Kühle auch Gedanken Arnold Gehlens durch, vom unüberbrückbaren Gegensatz zwischen humanitärem und politischem Ethos, vom Staat, der seine Aufgabe verfehle und sich lächerlich mache, wenn er die Züge einer Milchkuh annehme – Gedanken, die dem CSU-Chef Strauß nicht fremd sind.

Sozialdemokratische Strategen fanden, im Gegensatz zu Stoiber, den Slogan der CDU eher gefährlich: weil da den Wählern zum erstenmal wieder so etwas wie eine politische Idealvorstellung präsentiert werde, während sich die Koalition im tagtäglichen, fehlerbefrachteten, visionsfernen Kleinkram abrackere; und weil da anstatt der üblichen martialischen Konfrontationsparolen wie „Freiheit statt Sozialismus“ diesmal Freundlichkeit und Wärme verbreitet werde. Diese Befürchtungen hat die CDU inzwischen weitgehend ausgeräumt; „Volkspartei statt Volksfront“ heißt die neue Parole.

Natürlich ist Glück ein individuelles Gut. Es ist auch möglich in Diktaturen, in Slums, im Kriege, nicht nur als dubiose Empfindung wie Machtrausch und Kriegsbegeisterung, sondern als elementare, intensive Erfahrung menschlicher Nähe, im staunenden Gewahrwerden eines Schmetterlings, der über Granattrichter flattert. Die Literatur ist voll von solchen Beispielen. Gleichwohl wird niemand Diktatur, Elend und Krieg für wünschenswert halten, für eine richtige Ordnung menschlichen Daseins. Politik läßt sich nicht auf Macht und Herrschaft reduzieren, sonst wäre sie unerträglich. Politik ist, ob sie es sich eingesteht oder nicht, auch das Bemühen um eine Ordnung, die Menschen als sinnvoll erfahren und in der sie einigermaßen zufrieden, landläufig und unscharf ausgedrückt: glücklich leben können. Dies ist seit Plato und Aristoteles ein großes Thema politischen Nachdenkens.

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