Die List der Unvernunft

Wie der Etiketten-Streik doch ein sinnvolles Ergebnis brachte

Von Michael Jungblut

Der sechswöchige Streik in der Stahlindustrie, der nach fünfzig Jahren sozialen Friedens wie ein Eishagel über diesen Industriezweig hereinbrach, ist beendet, aber noch lange nicht abgeschlossen. Es war ein Arbeitskampf der Paradoxe: ein unsinniger Streik, der zu einem vernünftigen Ergebnis führte; ein Kampf, bei dem es nur Verlierer gibt, der aber allen schließlich einen Gewinn brachte; eine soziale Auseinandersetzung, die zur Frage nach dem Ende der Tarifautonomie führte, ihre Unverzichtbarkeit aber schließlich bestätigt hat. Es war ein Streik, der Erinnerungen an Klassenkämpfe vergangener Zeiten beschwor, jedoch ein Stück Zukunftsmusik erklingen ließ; eine Auseinandersetzung, die die Stärke, aber auch Schwäche der Gewerkschaft enthüllte. Die Vorgänge in der Stahlindustrie werden deshalb noch lange Stoff zum Nachdenken bieten.

Anzeige

Unsinnig war der Streik vor allem deswegen, weil er eigentlich nur um die Etikettierung des notwendigen Kompromisses geführt worden ist. Eine tatsächliche Verkürzung der Wochenarbeitszeit hat ja nie zur Diskussion gestanden. Da in der Stahlindustrie aus technischen Gründen 42 Arbeitsstunden im Schichtbetrieb unvermeidlich sind, ging es immer nur um zusätzliche freie Tage und die Frage, wie sie unter die Arbeitnehmer verteilt werden sollen. Ob sie dann Freischicht oder Urlaub genannt werden, macht keinen Unterschied, der einen so harten Arbeitskampf rechtfertigt. Hätten sich die Kontrahenten zusammengesetzt, um wie vernünftige Menschen über die Verteilung der von den Arbeitgebern schon Anfang Dezember angebotenen Urlaubstage zu verhandeln, wäre uns allen der finanziell und politisch kostspielige Arbeitskampf erspart geblieben, der jetzt gute Chancen hat, als Etiketten-Streik in die Sozialgeschichte einzugehen.

Wie sieht denn die Bilanz aus?

  • Die Arbeitnehmer haben in den sechs Wochen, die sie vor den Werkstoren verbrachten, Einkommenseinbußen erlitten, die sie nie wieder aufholen können. Die vereinbarte Lohnerhöhung sichert ihnen unter Berücksichtigung der zu erwartenden Preissteigerungsrate den gegenwärtigen Lebensstandard, mehr nicht.
  • Die Streikkasse der Gewerkschaft wurde um rund 130 Millionen Mark erleichtert. Die IG Metall ist in den Rudi der Unkalkulierbarkeit geraten. Ihre Spitzenfunktionäre haben durch unverständliche Taktik und offenkundige Führungsschwäche an Ansehen eingebüßt.
  • Die Unternehmer müssen zugeben, daß der Preis des Arbeitsfriedens nach sechs Wochen Streik höher geworden ist und daß sie nie eine Chance hatten, ohne Arbeitszeitverkürzung davonzukommen. Zu den Umsatzeinbußen kommt die Verschlechterung des sozialen Klimas.
  • Die Allgemeinheit wird durch geringere Steuereinnahmen, neue soziale Lasten und wohl auch durch eine weitere Verzögerung des erhofften Aufschwungs in Mitleidenschaft gezogen.

Angesichts der Verbohrtheit, mit der dieser Etiketten-Streik vor allem von der Gewerkschaft geführt wurde, ist es schon ein kleines Wunder, an dem der Düsseldorfer Sozialminister Farthmann nicht ganz unbeteiligt ist, daß er schließlich zu einem so vernünftigen Ergebnis geführt hat. Zwar bedeutet auch dieser Abschluß eine an sich nicht vertretbare Kostenerhöhung für die ohnehin notleidende Branche. Er wird daher zu noch stärkerer Rationalisierung führen müssen, wenn die deutsche Stahlindustrie sich im internationalen Wettbewerb behaupten soll. Aber da sich diese Kostenerhöhung nicht in höheren Löhnen, sondern in zusätzlicher Freizeit niederschlägt, werden sich Einsparung an Arbeitskraft durch neue Maschinen und geringere Arbeitsleistung weithin ausgleichen.

Service