Auf der Jahrestagung des Zentralausschusses des Weltkirchenrates in Kingston (Jamaika) ist ein alter Streit neu belebt worden: Dürfen Christen auch den gewaltsamen Befreiungskampf im südlichen Afrika unterstützen?

Vor der Zusammenkunft der 134 Ausschußmitglieder aus 293 Kirchen der Ökumene war diese Kontroverse bereits in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) aufgeflammt. Es ging um die Zahlung von rund 800 000 Mark aus dem „Sonderfonds“ des sogenannten Antirassismus-Programms der Genfer Weltkirchenratszentrale an die Swapo (Namibia) und an die Patriotische Front (Rhodesien). In diesen Fonds werden nur Spenden eingezahlt, keine Beiträge aus der Kirchensteuer.

Einige Landeskirchen – so die von Schaumburg-Lippe und Württemberg,–hatten den Austritt der EKD aus der Ökumene gefordert. Auf der Jahrestagung in Jamaika sollten, um diese Kritiker zu besänftigen, neue Richtlinien für künftige Geldzuweisungen an Befreiungsorganisationen gefunden werden. Dazu waren zwei Grundsätze aufgestellt worden:

  • Es sollten „phantasievolle Methoden“ entwickelt werden – so der Ausschußvorsitzende Edward S:ott (Erzbischof aus Kanada).
  • Ein „Beratungsprozeß“ sollte in Gang gesetzt werden – so Generalsekretär Philip Potter.

Mit den beiden Vorschlägen soll verhindert werden, daß Geld für humanitäre Zwecke zum Waffenkauf benutzt wird; es geht also um eine bessere Kontrolle. Ebenso sollen die Mittel des Sonderfonds, über die Genf allein entscheidet, in Zukunft gleichmäßiger und auf Grund von Empfehlungen der Mitgliedskirchen verteilt werden. Fraglich bleibt indessen, ob in der Praxis solche Verhaltensnormen die „Zweckentfremdung“ von Spenden völlig verhindern können. Davon jedenfalls, daß Gruppen, die in ihrem Befreiungskampf auch Gewalt anwenden, keine Unterstützung mehr erhalten sollen, war in Kingston nicht die Rede. Dies allein, wäre eine sichere Garantie für die „friedliche“ Verwendung der Hilfsgelder.

Den Skeptikern hatte Erzbischof Scott vorgehalten, wenn sie für Bankkredite und Investitionen im Fall Südafrika einträten, könnten sie auch nicht garantieren, daß damit nicht militärische Unternehmungen finanziert oder begünstigt würden. Und Generalsekretär Potter klagte darüber, daß die Sonderfonds-Kontroverse „hauptsächlich in bestimmten westlichen Ländern stattgefunden, hat, die durch ihre Unterstützung am meisten zur Erhaltung der rassistischen Systeme im südlichen Afrika beitragen“.

Eine Art Marschroute hatte auch der jamaikanische Premierminister Michael Manley, der zuvor mit Bundeskanzler Helmut Schmidt zusammengetroffen war, den Kirchenvertretern gegeben: „Sehen Sie zu, daß diejenigen, die an den Schalthebeln wirtschaftlicher Macht sitzen, auch die Macht haben, in friedlicher Weise Gerechtigkeit durchzusetzen, und dann wird es nicht notwendig sein, auch nur einen einzigen Schuß abzufeuern.“ Damit wäre aber die Kirche erst recht überfordert: Sie kann, wenn es hochkommt, politisches Unrecht lindern, nicht politisches Recht schaffen. D. St.