Bisher steht nur der Verlierer fest

Der Schah ging, doch was kommt nach ihm?

Von Theo Sommer

Fast auf den Tag genau ein Jahr, nachdem sich die Koranschüler in der heiligen Stadt Qom gegen den Schah erhoben und blutig niedergemetzelt wurden, ist Reza Pahlevi außer Landes gegangen. Es ist schwer vorstellbar, daß er je als Schah-in-Schah zurückkehrt. Der Freudentaumel, der auf den Straßen Teherans ausbrach, als seine Abreise bekannt wurde, muß selbst die letzten Kaisertreuen davon überzeugt haben, daß das persische Volk ihn nicht mehr will. Der Auslandsurlaub, den er jetzt angetreten hat, markiert das Ende seiner 37jährigen Herrschaft – und aller Wahrscheinlichkeit nach das Ende der Dynastie.

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Der Sturz der Pahlevis wirft drei Fragen auf. Die nächstliegende hat Ägyptens Staatspräsident gestellt, der erste Gastgeber Mohammed Rezas im Exil: „Wie konnte dies geschehen?“ Die zweite Frage wird vor allem in den Vereinigten Staaten diskutiert: Hat der Westen den Iran an die Sowjets verschenkt? Am wichtigsten freilich ist die dritte Frage: Können sich ähnliche Umwälzungen anderwärts im Vorderen Orient wiederholen – und wie könnten wir uns dagegen wappnen?

Zunächst also: Wie konnte es dahin kommen, daß die Allmacht des Schahs binnen zwölf Monaten zur totalen Ohnmacht verkam? Er war nicht der strahlende Kaiser, als den er sich selber gern sah, aber er war ja auch nicht der Unhold, als den ihn seine Gegner heute hinstellen. Seine Fehler lagen in seiner Unfähigkeit, das autoritäre System im Gleichschritt mit der Modernisierung zu lockern und in freiere politische Formen zu überführen; in seinem Hochmut, der ihm verbot, Verantwortung wirklich zu delegieren; in der harschen Ungeduld, die ihn dazu verführte, das Tempo des Fortschritts über jedes vertretbare Maß hinaus zu forcieren; in seiner Unempfindlichkeit gegen das kultur- und glaubensbedingte Zaudern weiter Teile des Volkes, sich ohne Halt und Hemmung dem Neuen hinzugeben; in seiner Großmannssucht, die ihn Waffen kaufen hieß, wo er Maschinen hätte kaufen müssen.

Aus der gutgemeinten, streckenweise vielleicht unumgänglichen Entwicklungsdiktatur wurde so am Ende eine blanke Despotie. Wie ein ausländischer Beobachter es ausdrückte: „Der Schah verlor den Kontakt zu den Bauern. Er verlor die Kontrolle über die Teuerung. Er verlor die Fühlung mit den Mullahs. Er verlor die Gewalt über die Geheimpolizei Savak. Er verlor die Herrschaft über seine eigene Familie und ihre ungeheuerliche Geschäftemacherei.“ Zum Schluß hatte er nur noch die Armee. Mit ihr jedoch konnte er das Volk, das er doch regieren wollte, nur noch niederkartätschen lassen. Die Unruhen, denen er zum Opfer fiel, waren – nach den Worten des Teheraner Publizisten Taheri – das Ergebnis eines „aufgestauten Unbehagens über die scharfen Freiheitsbeschränkungen, die Überzentralisierung, das Fehlen jeglicher öffentlicher Diskussion“, dazu eines „weitverbreiteten Gefühls, daß Korruption und Unfähigkeit im Verein mit Arroganz die Bürokratie prägen“.

Hat der Westen etwas versäumt?

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