Kohl am Faden
Eine Lawine habe Kurt Biedenkopf losgetreten, erkannte die Frankfurter Allgemeine. Die Zeitung hat jetzt die Gewalt, dieser Lawine auf fatale Weise verstärkt: Sie schrieb Helmut Kohl als Oppositionsführer ab. Von der Welt hat Kohl seit langem schon keine Unterstützung mehr zu erwarten. Jetzt hat der Oppositionsführer die letzte und wichtigere Pressebastion im konservativen Lager verloren.
In der Union und insbesondere in der Fraktion türmen sich die Schwierigkeiten für ihn. Die Diskussion um das Biedenkopf-Memorandum geht, unterfüttert mit niederschmetternden demoskopischen Ergebnissen, munter weiter. Die angekündigte Straffung der Fraktionsarbeit erweist sich praktisch als undurchführbar. Die Abstimmung über die Verjährung von NS-Morden gerät zum gefährlichen Testfall der Führungskraft von Kohl. Und aus Bayern wird gegen die CDU-Zentrale im Adenauer-Haus scharf geschossen, mit der vierten Partei wird weiter hantiert.
Immer deutlicher verlagert sich die Diskussion um Kohl zur Alternative: Einheit der Union oder Führungswechsel? Aber haben die Rebellen gegen Kohl und seine lauen Verteidiger bedacht, was eigentlich nach Kohl kommt? Als einzige überragende Gestalt der Union bliebe dann Franz Josef Strauß übrig; die Liberalen, die Sozialausschüsse und große Teile der Jungen Union hätten keine Integrationsfigur mehr. Es geht beim Machtkampf in der Union nicht nur um Personen, sondern auch um den politischen Kurs. Ein „inneres Sonthofen“ zeichnet sich ab, eine andere CDU, mehr noch – die Konturen einer anderen Republik. R. Z.






