Für die Oper bedeutete Gerhard Stolze unendlich viel, aber er lieferte in ihr keinesfalls das, was immer noch weithin von ihr erwartet wird: Er war ein Tenor, aber kein Sänger schmelzender Kantilenen; er war ein großer Darsteller, aber niemals in eitler Pose; er war eine starke Persönlichkeit, doch ohne dies zu betonen. Er gehörte zu denen, die mit lustvoller Hingabe die Oper zu dem gemacht haben, was sie in ihren besten Bühnenergebnissen im vergangenen Vierteljahrhundert geworden ist: Musiktheater. Der in letzter Zeit manchmal allzu leichtfertig verteilte Ehrentitel Singschauspieler – er verdiente ihn wie kaum ein anderer. Singen als das Ausdrucksinstrument szenischer, mimischer Verdeutlichung, Singen im Spielen, Spielen im Singen: Er statuierte dieses Exempel.

Er war ein Prototyp dessen, was Felsenstein nach dem letzten Kriege gegen den alten Opernschlendrian zu entwickeln begann, was jene beiden Männer aufgriffen und auf verschiedene Weise fortsetzten, die als Regisseure den Sänger Gerhard Stolze prägten: Wieland Wagner und Günther Rennert. Stolze geriet schon in den fünfziger Jahren in ihre Hände. Wagner starb 1966, Rennert im letzten Sommer. Stolze folgte ihnen jetzt: Am 11. März erlag er in Garmisch, wo er seit wenigen Jahren lebte, einem Gehirnschlag, nur. 52 Jahre alt.

Er stammte aus Dessau. Als er 19jährig aus dem Krieg kam, wurde er in Dresden Schauspieler. Rudolf Dittrich bildete dort seine Tenorstimme aus, Joseph Keilberth holte ihn 1949 an die Dresdner Staatsoper, wo er sich bald durch viele Rollen sang, bis hin zum „Freischütz“-Max. Von 1953 bis 1961 war er Mitglied der Ostberliner Staatsoper, danach der Wiener Staatsoper. Schon von 1951, von den ersten Nachkriegsfestspielen an, war er in Bayreuth. Seit 1956 sang er ständig, oft hauptsächlich in Stuttgart, dann auch bei den Salzburger Festspielen, in München, in Covent Garden London, an der New Yorker Met.

Ich kannte ihn seit seinen ersten Versuchen auf der Komödienbühne in Dresden, hörte ihn in seinen Dresdner Opernrollen, beobachtete ihn als Kritiker während seiner acht Berliner Jahre und später dann als Operndirektor in Stuttgart, wo Stolze in neunzehn Neuinszenierungen mitwirkte, wo er selber einmal Regie führte („Hänsel und Gretel“). Und hier erwartete ich ihn in dieser Woche zu zwei „Rheingold“-Aufführungen als Mime. Es ist keine Floskel: Alle, die seine Rollen jetzt übernehmen, seine Charakterstudien nun nachprägen müssen, werden es sehr schwer haben.

Stolze war ein ungemein vielseitiger Tenor, als Charaktertenor kennzeichnet man ihn wohl am besten – doch dies war er im leichten Spielfach (einschließlich der Operette) ebenso wie im Heldenfach. Wer könnte den Tragöden Stolze je als Orffs Oedipus vergessen, in Rennerts Stuttgarter Uraufführungsmodell von 1959? Doch er war dank Rennert eben genauso eindringlich auch als Egks Revisor, Klebes Oberst im „Jacobowsky“ oder Weills Mahagonny-Jim.

Von seinen Wieland-Wagner-Rollen sind mir am nachdrücklichsten der pausbäckige Bayreuther David in den „Meistersingern“ und natürlich der Herodes in „Salome“ im Gedächtnis geblieben: drall und pfiffig in der einen, greilneurotisch in der andern Gestalt. Eine virtuose Leistung war sein junger Lord in Henzes Oper (in Ernst Poettgens Inszenierung), ein stimmlich nicht ganz bewältigter Ausflug ins Heldische dagegen sein Schönbergscher Aron. Süffisante Intellektualität sprühte er als Loge in Karajans österlich-salzburgischem „Rheingold“ aus.

Aber auch kleine Partien machte er zu Aufmerksamkeit heischenden Zentralgestalten, den volltrunkenen Smelkoff in der Bordellszene von Cikkers „Auferstehung“, den rührend lallenden Greis in der „Sache Makropulos“, den ergreifend Schwachsinnigen im „Boris“, den er noch wenige Tage vor seinem Tod in München – sang. Wie zärtlich war sein Wehklagen, aber liebevoll konnte seine Stimme, auch klingen und scharf: Seine Ausdruckskraft sprengte allemal gewohnte Grenzen. Darum ist sein Verlust so schmerzlich. Und wer ihn kannte, hat einen besonders herzlichen, fröhlichen Menschen verloren.

Wolfram Schwinger